Geldgeschichten
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Finanzblasen: Wenn Dienstmädchen in Tulpen investieren

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13.08.2013 - Geldgeschichten:

Tulpen waren schon im Holland des 17. Jahrhunderts beliebt. So beliebt und begehrt, dass am 5. Februar 1637 in Alkmaar eine einzelne Tulpe der Sorte Viceroy für 4203 Gulden ersteigert wurde – dies bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von damals 150 Gulden.

Die Tulpen kaufte man oft auf Termin. Man erwarb die Zwiebel, die noch im Erdreich lag und hoffte, diese noch vor Auslieferung der Tulpe zu einem höheren Preis weiterverkaufen zu können. Viele Tulpen waren Neuzüchtungen. Ihre Käufer wussten nicht einmal, wie diese dereinst aussehen würden. Da die Preise aber nur eine Richtung kannten – nach oben – beteiligten sich an diesem Handel breite Teile der Gesellschaft, angeblich sogar die karg entlohnten Dienstmädchen.

Börsenfernsehen und Echtzeitkursübermittlung waren noch in weiter Ferne. Der Käufer der teuren Viceroy-Zwiebel wusste also höchstwahrscheinlich nicht, dass nur zwei Tage zuvor im holländischen Haarlem eine ähnliche Auktion schiefgelaufen war. Keine einzige Tulpe konnte zum erwarteten Preis verkauft werden. Als sich diese Neuigkeit verbreitete, platzte die Blase. Panische Zwiebelbesitzer versuchten, ihre Ware schnellstmöglich und ohne Rücksicht auf Verluste loszuwerden. Die Preise brachen in kurzer Zeit um über 95 Prozent ein.

Haben Börsenprofis und Dienstmädchen aus dieser Geschichte gelernt? Nein. Seit damals haben Anleger munter weiter spekuliert und verschiedenste Blasen produziert. Die Auswirkungen der 2007 geplatzten Immobilienblase spüren wir noch heute. Zu gern wüsste man deshalb, wie und wieso Blasen entstehen und ob man diese verhindern kann.

Typisch für Spekulationsblasen sind stark steigende Preise bei hohen Umsätzen. Vorbedingung scheint eine lockere Geldpolitik der Zentralbanken zu sein. Wenn die Zinsen tief sind, suchen Anleger lukrativere Anlagemöglichkeiten. Sie investieren beispielsweise in Aktien oder Immobilien. Wie es aber zu den ungesunden Preisspiralen kommt, ist umstritten. Irrationales Verhalten und Herdentrieb der Marktteilnehmer werden genannt. Oder die «Greater Fool-Hypothese»: Demnach kaufen Anleger wissentlich zu teure Wertpapiere, weil sie davon ausgehen, diese einem grösseren Dummkopf wieder verkaufen zu können – selbstverständlich zu einem noch höheren Preis. In Laborexperimenten versuchen Wissenschaftler, das menschliche Verhalten bei der Bildung von Blasen zu simulieren.

2010 hat der ETH-Physiker Didier Sornette ein Modell vorgestellt, mit dem es ihm gelungen sei, Blasen früh zu erkennen und den Zeitpunkt des Platzens vorauszusagen. Den ultimativen Härtetest muss das Modell noch bestehen. Bis dahin gilt: Wenn Kleinanleger anfangen, mit bereits zu teuren Aktien oder anderen Finanzinstrumenten zu spekulieren, handelt es sich um eine sogenannte Dienstmädchen- oder Hausfrauenrallye. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Blase bald platzen wird.

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