Flash Crash: Chaostheorie der Finanzmärkte

Flash Crash: Chaostheorie der Finanzmärkte 

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Vor fünf Jahren erlebten die amerikanischen Aktienindizes einen gewaltigen Infarkt. Binnen Minuten brachen Kurse ein, Aktiendepots implodierten und steckten Börsen rund um den Globus an. Der so genannte Flash Crash traf die Finanzmärkte wie ein Blitz.

Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Texas einen Orkan in Brasilien auslösen? Der gesunde Menschenverstand schliesst das aus. Der Chaosforscher rechnet nach und findet einen möglichen Zusammenhang: In komplexen dynamischen Umwelten können sich viele verschiedene Effekte gegenseitig so sehr verstärken, dass der zarte Schmetterlingsflügel tatsächlich einen Tornado von gewaltiger Zerstörungskraft entfachen kann. Eine gewohnte Ordnung wie die stabile Wetterlage versinkt durch einen scheinbar winzigen Impuls im Chaos.

Neben den Kapriolen des Wetters scheinen insbesondere die Finanzmärkte empfindlich für die grossen Wirkungen kleiner Ursachen zu sein, so auch am Nachmittag des 6. Mai 2010: Innerhalb von 6 Minuten sank der S&P 500, ein Leitindex der US-Börse, um fast 6 Prozent, der Dow-Jones-Industrial-Average-Index verlor zeitweise sogar mehr als 9 Prozent; Innerhalb von 10 Minuten wurden beinahe 1,3 Milliarden Aktien gehandelt, das Sechsfache des normalen Handelsdurchschnitts. Zahlreiche Wertpapiere fielen auf einen Bruchteil ihres ursprünglichen Kurses, manche büssten bis zu 99 Prozent ihres Wertes ein. Zwar erholten sich die Kurse kurz nach diesem legendären Flash Crash wieder deutlich, doch der Schock und die Unsicherheit setzten sich in Börsenkreisen fort. Aufsichtsbehörden tappten weiterhin im Dunkeln hinsichtlich der Ursache für den Zusammenbruch der gewohnten Stabilität. Erste Untersuchungsberichte vermuteten, eine fehlgeleitete Software eines grossen Finanzinstituts habe durch massive Kaufsignale eine Kettenreaktion der Finanzmärkte ausgelöst. Dieses scheinbare Versagen der Technologie wurde zum Symbol einer neuen Fragilität der Märkte, wo kleinste Fehler in den Computerprogrammen die Welt in eine schwere Finanzkrise stürzen können. Seit April diesen Jahres gibt es einen neuen Verdacht zur Ursache des plötzlichen Börsenkollapses.

Der Schmetterlingsflügel, der die globale Krise auslöste, heisst möglicherweise Navinder Singh Sarao, lebt in einem bescheidenen Londoner Vorort, trägt Jeans und passt in kein Klischee über Broker. Die Schaltzentrale seiner Geschäfte ist ein schlichtes Zimmer in der Doppelhaushälfte, seine Börsenformel ist vermutlich eine geschickte Täuschung. Ihm wird unterstellt, über ein einfaches Computersystem eine massive Kauforder für Termingeschäfte an der Börse lanciert und gleich wieder zurück gezogen zu haben. Andere Händler registrierten die veränderte Nachfrage, ihre Handelsprogramme investierten ebenfalls entsprechend. In den Bruchteilen einer Sekunde bis Singh die übergrosse Kauforder wieder zurück zog, konnte er von seinem Informationsvorsprung über den Kursverlauf profitieren.

Das Ausnutzen dieses winzigen Zeitfensters ist nicht nur legal, es ist verbreitete Praxis in Zeiten, wo ein minimaler Informationsvorsprung über Kursentwicklungen über enorme Summen entscheiden kann. Strafrechtlich relevant ist das Vortäuschen falscher Kaufabsichten, das dem jungen Navinder Singh möglicher Weise sogar einen Prozess vor einem amerikanischen Gericht einbringt. Er war der Anlass für den Flash Crash – die Ursache liegt jedoch in der Geschwindigkeit und Komplexität der Finanztransaktionen – und ihrer Labilität für die Flügelschläge vieler verschiedener Schmetterlingsflügel.

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