10 Jahre Finanzkrise: Haben wir etwas gelernt?

10 Jahre Finanzkrise: Haben wir etwas gelernt? 

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In der kurzlebigen Börsenwelt sind zehn Jahre eine Ewigkeit. Gut möglich, dass die Lehren aus der Finanzkrise 2008/2009 vergessen sind und die nächste Krise demnächst kommt.

Im Nachgang der Finanzkrise erreichten die Börsen anfangs März 2009 zuerst ihren Tiefststand – der S&P 500 fiel mit 666 Punkten auf ein sogenanntes Generationentief – bevor eine fulminante Wende folgte. Eine Rallye begann und an den globalen Märkten ging es seither steil aufwärts. Heute notiert der S&P 500 bei über 2800 Punkten – dem Vierfachen. Ist seit diesem Wendepunkt etwa alles besser geworden und haben wir von der Finanzkrise 1.0 gelernt?

Schulden wohin das Auge reicht

Der Auslöser für die Finanzkrise der Jahre 2008/2009 waren die faulen Kredite im US-Immobilienmarkt, die Überschuldung einzelner Kreditnehmer und damit auch diverser Finanzinstitute, welche eine zu lasche Kreditvergabe unterstützt hatten. Doch hat sich die Verschuldungssituation in den USA oder auf globalem Niveau in den letzten zehn Jahren verbessert? Keineswegs! Die Lage hat sich sogar drastisch verschärft. So hat sich beispielsweise die Verschuldung der USA von 11.9 auf 22.7 Billionen US-Dollar nahezu verdoppelt.

Verschuldung USA

Auch die nicht-staatlichen Schulden haben zugenommen: In den USA sind allein die Studentenkredite von 750 Milliarden (2009) auf 1500 Milliarden US-Dollar (2019) und die Autokredite von 755 Milliarden (2009) auf stattliche 1150 Milliarden (2019) gestiegen. Die rekordhohe Verschuldung ist jedoch nicht nur ein Phänomen in den USA. Sie ist ein globales Problem und geht über die Industrienationen hinaus. Der globale Schuldenberg beläuft sich aktuell auf nahezu 250 Billionen US-Dollar, das Dreifache der jährlichen globalen BIP-Leistung. Sieht so aus, als wäre das Schuldenproblem der Finanzkrise 1.0 mit noch mehr Schulden bekämpft worden. Haben wir denn gar nichts gelernt?

Regulierte Banken und neue Marktstrukturen

Die Antwort lautet: Jein. Zumindest hat man die Schuldigen für die Finanzkrise damals rasch gefunden und Massnahmen ergriffen. Die Banken bzw. die Finanzinstitute waren die Übeltäter und die Finanzwelt wurde von einer regelrechten Regulierungswelle erfasst. Das Pendel schlug mit voller Wucht vom einem Extrem (kaum reguliert) ins Andere (Überregulierung v.a. in Europa). Neue Regulierungen hatten weitreichenden Einfluss auf die Kapitalmarktstruktur und Finanzierungsmöglichkeiten.

Aufgrund von Regulierungsvorschriften wie Basel 2 oder 3 sind Geschäftsbanken heute signifikant weniger an den Börsen aktiv als vor der grossen Finanzkrise. In Krisensituationen würde deshalb die nötige Liquidität fehlen. Zudem wird das Herdenverhalten – ausgelöst durch Computerprogramme, Algotraders oder passive Investments – verstärkt, wie dies bereits im Dezember 2018 an den globalen Finanzmärkten beobachtet werden konnte. Diese neuartigen Marktstrukturen werden die Volatilität an den Aktienmärkten in Zukunft tendenziell verstärken.

Schwachpunkt Notenbanken

Die Achillesferse des heutigen Finanzmarkts sind heute daher die drei grossen Notenbanken – die amerikanische Federal Reserve, die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan – oder vielmehr die Annahme, „die Notenbanken würden es schon richten“ und der Glaube an den „Kreditgeber in letzter Instanz“. Dieser Glaube beruhigt die Marktteilnehmer derzeit ungemein – und genau hier liegt die Krux begraben. Nicht nur spielen wir mit dem Feuer, offensichtlich haben wir nichts aus der Finanzkrise gelernt. Solange Fehlanreize bestehen und die Marktteilnehmer erwarten, dass die Notenbanken im Notfall eingreifen, wird es weiterhin zu Fehlallokationen von Kapital kommen – und genau das war der zentrale Auslöser der letzten Krise.

Die Geschichte wird sich wiederholen – es ist nur eine Frage der Zeit

Wenn der Aktienbullmarkt diesen Monat also sein 10-jähriges Jubiläum feiert, dann sollte die Party eher verhalten ausfallen. Aufgrund des soliden Gewinnwachstums an den Aktienmärkten sind die Bewertungen nicht so exorbitant, wie dies in der Dot-Com Blase der Fall gewesen ist. Dennoch dürfte sich die Geschichte bald wiederholen. Historisch betrachtet ist dies nicht überraschend. Die Marktteilnehmer mögen im Zeitverlauf wechseln, aber ihr von Angst und Gier geprägtes Verhalten bleibt konstant. Denn in Zeiten von Marktturbulenzen handeln auch die meisten rationalen Investoren emotional und vergessen das vermeintlich Gelernte. Die Frage ist also nicht ob, sondern wann die Finanzkrise 2.0 kommt.

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
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