«Abenomics» hat ein Gesicht bekommen

«Abenomics» hat ein Gesicht bekommen 

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Haruhiko Kuroda ist seit Ende März neuer Chef der Bank of Japan (BoJ) – eine gute und längst überfällige Entwicklung. Kuroda hat sich für eine zielgerichtete und «ungehemmte» Geldpolitik ausgesprochen, um den seit fast 20 Jahren vorherrschenden Zustand der Deflation in Japan zu beenden.

Die bisherigen Notenbankführungen werden (nicht nur) in akademischen Kreisen seit vielen Jahren u.a. für ihre widersprüchliche Haltung kritisiert. Einerseits betonte sie immer wieder, dass die Geldpolitik bei der Deflationsbekämpfung letztlich machtlos sei, weil sich dabei um ein realwirtschaftliches und kein monetäres Phänomen handle. Gleichzeitig haben sie aber diverse Hemmnisse und Grenzen in ihre geldpolitischen Programme eingebaut, um Zurückhaltung zu signalisieren. Zudem hat die BoJ in der Vergangenheit wiederholt bereits beim ersten Aufkeimen von Inflation zum Rückzug geblasen. Mit dieser vorsichtigen Grundhaltung dürfte es vorbei sein.

Kuroda und sein Team kommen ideologisch aus einer anderen Ecke – für sie ist Inflation (bzw. Deflation) ganz klar ein monetäres Phänomen. Als Erstes dürfte Kuroda daher eine Regel aufheben, nach der die Summe der Anleihen-Käufe der Notenbank nicht die Menge der Banknoten und Münzen im Umlauf übersteigen darf – eine Massnahme, die der Chef der US-Notenbank (FED) Ben Bernanke seinen japanischen Kollegen bereits vor zehn Jahren empfahl. Doch in der Bank of Japan dominiert spätestens seit Verabschiedung des Gesetzes zur Unabhängigkeit der Notenbank im Jahre 1998 eine Wagenburg-Mentalität. Der Erdrutschsieg von Shinzo Abe im Dezember 2012 schuf jedoch ein klares Volksmandat für die «Palastrevolution» an der Spitze der Bank of Japan – Abe hatte die inflationäre Geldpolitik zu einem zentralen Punkt seines Wahlkampfes gemacht. Regierung und Notenbank dürften in Zukunft, wie es der japanischen Tradition entspricht, enger zusammenarbeiten.
(Weitere Gedanken zum Regimewechsel in der Bank of Japan können Sie in meinem vorherigen Blogbeitrag lesen.)

Kuroda dürfte ausserdem die erst ab 2014 geplanten Aufkäufe von Staatsanleihen vorziehen und die bisherige Beschränkung auf kurzfristige Anleihen aufheben. Damit will die Bank of Japan signalisieren, dass sie keine geldpolitischen Hemmungen mehr hat. Nur so können unter Investoren, Wirtschaftstreibenden und Bürgern nachhaltig Inflationserwartungen geschürt werden. Im Erfolgsfall könnte es sein, dass die BoJ am Ende sogar weniger Wertpapiere aufkaufen muss, als sie dies ohnehin bereits tut – denn für die reinen «Marktmonetaristen», die Kurodas Kurs befürworten, geht es primär um die Glaubwürdigkeit der Absichten der Notenbank. Der Aufschwung fängt bekanntlich im Kopf an. Es sei daran erinnert, dass die deutliche Abwertung des Yen, die starken Kursgewinne bei Aktien, der Anstieg der Konsumentenstimmung und die von zahlreichen Konzernen angekündigten Gehaltserhöhungen bereits erfolgt sind – obwohl die BoJ bisher keine einzige zusätzliche Anleihe kaufen musste. Mit Sicherheit findet in Japan derzeit ein einzigartiges wirtschaftspolitisches Experiment statt.

Anmerkung: Die Bank of Japan hat in ihrer ersten Sitzung unter Kuroda am 4.4. tatsächlich Massnahmen ergriffen, die in ihrer Abkehr vom bisherigem Geist der BoJ die Erwartungen des Marktes sogar übertrafen. (Siehe LGT Beacon vom 10.4.2013 zum Download in der rechten Spalte.)

Buchtipps zur japanischen Wirtschaftsgesichte – und zum geistigen Vater von «Abenomics»

Korekiyo Rakahashi 1932

Korekiyo Rakahashi 1932

Korekiyo Takahashi (1854-1936) war Poliker, Notenbanker, Premierminister und langjähriger Finanzminister Japans vor dem zweiten Weltkrieg. Er hatte zudem einen sehr ungewöhnlichen Lebenslauf für einen japanischen Politiker. Unter anderem war er bereits wenige Jahre nach der Meiji-Restauration von 1868 Manager einer Mine in Peru. Die heutigen Kritiker der Bank of Japan haben nicht nur aktuelle ausländische Vorbilder wie u.a. Ben Bernanke, sondern auch nationale Ideengeber. Takahashi war Finanzminister während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Er hob den Goldstandard auf, liess in grossem Umfang ungedecktes Geld drucken und erhöhte die Staatsausgaben. Seine Politik gilt nicht nur in Japan als eine der erfolgreichsten Beispiele koordinierter Finanz-, Geld- und Währungspolitik des 20. Jahrhunderts.

Nachdem sich die japanische Wirtschaft Mitte der 1930er allerdings deutlich erholt hatte, setzte er zu Gegenmassnahmen an, um die Finanzen des Landes wieder zu stabilisieren. Dazu gehörten auch Einschränkungen der Militärausgaben. Takahashi, ein protestantischer Christ, wurde am 26. Februar 1936 von nationalistischen Armeeoffizieren im Rahmen einer Attentatsserie ermordet. Letzteres illustriert auch in extremer Weise das Kernproblem ultra-expansiver Geld- und Finanzpolitik: Einstieg und Durchführung sind vergleichsweise einfach. Schwieriger gestaltet sich jedoch der Ausstieg.

Zu Takahashis Leben und Wirken, sowie der Zeit, in der er handeln musste, sind in den letzten Jahren im angelsächsischen Raum zwei Bücher erschienen, die interessanterweise in einem beliebten Online-Büchergeschäft in jüngster Zeit eher ausverkauft sind…

  • “From Foot Soldier to Finance Minister: Takahashi Korekiyo, Japan’s Keynes”, Richard J. Smethurst, Harvard East Asian Monographs, November 2009
  • “Appeasing Bankers: Financial Caution on the Road to War,” Jonathan Kirshner, Princeton Studies in International History and Politics, October 2007
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