Märkte
Shinzo Abe

Folgen Sie uns:

FacebookTwitterLinkedInRSS Feed

Abenomics: Scheitert Japans Reflation an der Politik?

  • Druckansicht
03.08.2017 - Märkte:

Shinzo Abe erlebt derzeit die erste grosse Krise seiner bald fünfjährigen Amtszeit. Vorwürfe über Günstlingswirtschaft, der alte Streit um die Rolle des Militärs und eine verlorene Stadtratswahl von Tokio haben die Umfragewerte des japanischen Premierministers erstmals auf unter 40 Prozent einbrechen lassen. Ökonomisch wurde „Abenomics“ schon mehrmals vergeblich totgesagt. Droht jetzt das politische Aus?

Wirtschaftlich wurde Abes Reflationspolitik von Anbeginn an als Verzweiflungsakt einer (vermeintlich) überschuldeten und alternden Wirtschaftsmacht von Gestern abgetan. Die Vorstellung, dass übermässige monetäre Largesse letztlich nur zu einer Geldentwertung und damit zu praktisch wertlosen „Scheingewinnen“ an der Börse führt, sitzt tief.

Der Verweis auf Fakten, die dagegen sprechen, nützen jedenfalls meist wenig, um Skeptiker zu überzeugen – wie etwa auf die Tatsache, dass der Nikkei 225 trotz der zwischenzeitlichen Yen-Schwäche seit Beginn von „Abenomics“ in Euro, Schweizer Franken und US-Dollar gemessen mehrheitlich eine höhere Gesamtrendite erwirtschaftete als die Börsenindizes der anderen Industrieländer, mit Ausnahme der USA (vgl. Grafik).

Performance der Aktienmärkte im Vergleich seit Amtsantritt von Shinzo Abe am 26.12.2012:

Performance der Aktienmärkte im Vergleich seit Amtsantritt von Shinzo Abe am 26.12.2012

Auf stabilem Wachstumspfad

Statt in ein düsteres „Endspiel in vier Akten“ zu verfallen, wächst Japans Wirtschaft seit mindestens sechs Quartalen über Potenzial und erlebt damit die längste stabile Konjunkturphase seit dem letzten globalen Boom vor mehr als zehn Jahren – und dies, obwohl der Yen seit rund zwei Jahren handelsgewichtet sogar tendenziell wieder zur Stärke neigt.

Die Unternehmensgewinne haben sich schneller als anderswo vor der Rohstoffbaisse von 2015 erholt und wachsen derzeit stärker als im (ohnehin ansehnlichen) globalen Schnitt, während die immer noch günstige Währung und der aufgehellte Welthandel die Auslandserträge und die Exporte beleben.

Auch die Binnenwirtschaft leistet ihren Beitrag: Die Anlageinvestitionen sind gerade dabei, das Hoch von 2007 zu erklimmen, während die Arbeitslosigkeit sinkt – und zwar bei steigender Partizipation. Erstmals seit über 40 Jahren gibt es pro Arbeitssuchenden einen offenen Vollzeitjob (Festanstellung). Nachdem die private Kreditvergabe Jahrzehnte lang geschrumpft ist oder stagniert hat, wächst auch sie jetzt moderat aber stetig. Die Firmenbankrotte nähern sich dem Rekordtief von 1989 (!). Die private Bautätigkeit hat zugelegt, die Immobilienpreise zeigen im Schnitt landesweit wieder leicht nach oben und die Einkaufsmanager- und Analystenumfragen signalisieren eine anhaltende Hochkonjunktur.

Im Bereich der strukturellen (sprich: angebotsseitigen) Reformen gab es im Juli wichtige langfristige Weichenstellungen: Mit der Europäischen Union wurde ein Handels- und Investitionsabkommen ausgehandelt, gleichzeitig vereinbarten Japan und die zehn anderen Teilnehmerstaaten, die Transpazifische Partnerschaft (TPP) auch ohne die USA aktivieren zu wollen. Beide Abkommen sehen eine signifikante Reduktion von Handelsbarrieren vor und sind die ersten dieser Art für Japan.

Enttäuschend ist letztlich nur die Inflation, welche trotz der (angeblich so massiven) Geldmengenausweitung der letzten Jahre deutlich unter dem Zielwert der Notenbank von etwas mehr als zwei Prozent pro Jahr verharrt. Für die Börsen dürfte sich dies letztlich allerdings als Segen erweisen. Es bewegt die Bank of Japan (BOJ) dazu, ihren lockeren Kurs zu verlängern und nötigenfalls noch weiter zu lockern.

Innenpolitisch steht Abe unter Druck

Angesichts dieser Entwicklungen könnte man meinen, die einst chronisch stagnierende Wirtschaft des Inselstaats habe sich inzwischen soweit erholt, dass viele Bürger eine gute Konjunktur wieder als selbstverständlich ansehen. Anders ist es kaum nachvollziehbar, weshalb die Innenpolitik die aktuellen Meinungsumfragen derzeit so stark belastet. Die Vermutung liegt daher nahe, dass sich das Abe-Tief am Ende doch als vorübergehend herausstellen wird.

Für ein Comeback hat Abe voraussichtlich bis zu den Parteiwahlen der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) im September 2018 Zeit. Nicht auszuschliessen sind allerdings vorgezogene Neuwahlen, zumal die Umfragewerte für die grösste Oppositionspartei, die Demokratische Partei (DPJ), derzeit noch schlechter ausfallen, als jene der Regierung.

In einem ersten Schritt steht in den kommenden Tagen eine Kabinettsumbildung an. Danach müssen weitere spürbare wirtschaftliche Fortschritte folgen – insbesondere weitere Lohnsteigerungen und mehr Vollzeitjobs, was aufgrund der beschriebenen Trends nicht unwahrscheinlich ist.

Zentralbank-Nachfolge bleibt für Abenomics von überragender Bedeutung

Gelingt Abe kein Comeback, dann ist seine Chance auf eine historisch erstmalige dritte Amtszeit (von 2018 bis 2021) verspielt – und Japans Ausblick muss neu bewertet werden. Doch ein Rücktritt Abes würde nicht zwingend das Aus für „Abenomics“ bedeuten. Die wichtigste Weiche für die kommenden Jahre, die Bestellung des BOJ-Präsidenten, kann Abe noch vor dem Parteitag stellen, nämlich bis April 2018.

Die derzeit in den Medien genannten möglichen Kandidaten sind allesamt Reflationisten. Sie dürften ihre Einstellung teilweise sogar noch überzeugter vertreten, als der aktuelle BOJ-Präsident Haruhiko Kuroda. Zudem wurden erst vor wenigen Tagen die letzten zwei „stabilitätsorientierte“ Dissidenten des neunköpfigen BOJ-Präsidiums mit Reflationisten nachbesetzt. Der Regimewechsel in der BOJ ist damit nach etwas mehr als vier Jahren vollendet – und kann aufgrund der Unabhängigkeit der Notenbank nur über einen mindestens ebenso langen Prozess reversiert werden.

Solange der Nachfolger oder die Nachfolgerin Abes nicht bewusst darauf abzielt, die „Abenomics“ rückgängig zu machen, ist es letztlich wahrscheinlich, dass die reflationäre Grundausrichtung der japanischen Wirtschaftspolitik bleibt.

  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • LinkedIn

1 Kommentar

  1. […] Abe­no­mics: Schei­tert Japans Refla­ti­on an der Poli­tik? (Deutsch, lgt) […]

Kommentar verfassen