Was Achilles, Keats & Heisenberg mit einem Due-Diligence-Prozess zu tun haben

Was Achilles, Keats & Heisenberg mit einem Due-Diligence-Prozess zu tun haben 

Mithilfe der Due Diligence sollen die besten Investmentmanager ausgewählt werden. Doch auch die umfassendste Due Diligence birgt immer noch Unschärfen. Was wir in diesem Fall von einem britischen Dichter und einem deutschen Physiker lernen können.

Die Auswahl von Investmentmanagern stützt sich auf einen sogenannten Due-Diligence-Prozess: Informationen über die Strategie, den Manager und seinen Werdegang, sein Team, operationelle Aspekte der Strategie-Umsetzung, die Struktur und Typologie der Investoren usw. werden gesammelt, geordnet und analysiert. Ein solcher Prozess soll eine empirische Grundlage für die Entscheidung – „Investieren oder nicht?“ – bilden. Diese faktenbasierte Grundlage ist eine notwendige aber keine hinreichende Voraussetzung, um gute Entscheidungen zu treffen. Sie ist insofern nicht hinreichend, da immer Unwägbarkeiten und Unsicherheiten bleiben: Kein Due-Diligence-Prozess kann mit absoluter Zuverlässigkeit immer zu richtigen Entscheidungen führen. Darüber sind wir uns alle einig – die Differenzen liegen eher darin, wo man die Grenzen des Due-Diligence-Prozesses sieht, d.h. welche ist die kritische Masse an Fakten, die man zum Entscheiden braucht?

Die Due-Diligence-Typen

Im Due-Diligence-Prozess kann man sich in einem Labyrinth von Details verlieren, da eine Frage über einen bestimmten Sachverhalt eine endlose Kette von weiteren Fragen auslösen kann. Somit: Zu welchem Detaillierungsgrad sind Daten und Analysen eigentlich noch nützlich in der Entscheidungsfindung? Oder: Ab wann ist die Klärung eines Details eine sterile Suche nach (irrelevanten) Wahrheiten, und wann kann sie die Entscheidung noch massgeblich positiv beeinflussen?

Zu diesen Fragen gibt es keine scharfe Antwort aber man erkennt zwei Typologien von Investoren, welche zwei verschiedene Einstellungen verkörpern:

  • „Achilles“: Wie im berühmten Paradoxon von Zenon, wo Achilles nie die Schildkröte erreichen wird, so rennen manche Investoren immer dem nächsten Detail hinterher: Während man ein Detail klärt, entstehen neue Fragen und man beginnt sie zu beantworten. Daraus entstehen neue Details und Facetten, die ihrerseits auch geklärt werden müssen usw. Obwohl solche Investoren auch wissen, dass empirische Analysen allein keine endgültige Antwort zur Frage „Investieren oder nicht?“, abgeben werden, bleiben sie in diesem Rennen gefangen: Sie nähren sich asymptotisch einem vollständigen Bild der Fakten und Informationen, aber sie können sich doch nicht entscheiden.
  • „Keats“: der Dichter John Keats schrieb 1817 in einem Brief zu seinen Brüdern folgende berühmte Passage:

    „… at once it struck me, what quality went to form a Man of Achievement especially in Literature & which Shakespeare possessed so enormously – I mean Negative Capability, that is when a man is capable of being in uncertainties, Mysteries, doubts, without any irritable reaching after fact & reason …“

    Er wollte damit eine Qualität grosser Schriftsteller wie Shakespeare unterstreichen, die auch etwas Unerklärbares, Ungewisses, Unvollständiges oder Unscharfes akzeptieren, und nicht davon besessen sind, alles einer rationalen Erklärung oder der Vernunft unterzuordnen. Diese Fähigkeit „of being in uncertainties“ ist auch ein Merkmal derjenigen Investoren, welche den Due-Diligence-Prozess nicht strapazieren, sondern akzeptieren, dass ein Restrisiko in der Entscheidung bleibt. Solche Investoren, nach sorgfältiger Datenanalyse, verzichten auf die x-te Analyse und entscheiden, indem sie ihrem Instinkt, Bauchgefühl, der Intuition oder Erfahrung folgen.

Achilles wird wohl sein Rennen kaum stoppen, wenn er ein Modell à la Keats sehen würde: Zu vage und «künstlerisch» würde Achilles, der nur Fakten jagt, ein solcher Ansatz erscheinen.

Quantenphysik und Due Diligence

Doch es gibt noch eine weitere Facette, die Achilles im Entscheidungsprozess in Betracht ziehen sollte: In der Physik der kleinen Dimensionen (Quantenphysik) muss man mit einer strukturellen Unschärfe leben. Die 1927 von Werner Heisenberg formulierte Unschärferelation besagt, dass wenn man die Position eines Teilchens mit hoher Genauigkeit kennen möchte, man nicht mehr so genau seine Geschwindigkeit bestimmen kann – und umgekehrt. Es ist nicht möglich, beide Fakten (Position und Geschwindigkeit) mit der höchsten Genauigkeit zu kennen: Achilles würde vergeblich seine „Lupe“ hin- und herschieben, um beide Informationen mit grösster Zuverlässigkeit in Erfahrung zu bringen. Wenn Achilles einem Keats oder Shakespeare nicht folgen möchte (oder kann), dann soll er mindestens von Heisenberg lernen, was „being in uncertainties“ bedeutet.

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