Im Banne von Dysfunktionalitäten

Im Banne von Dysfunktionalitäten 

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Das Festmahl an den globalen Kapitalmärkten schien angerichtet. Doch dann wurde es im Dezember plötzlich turbulent.

Das Wirtschaftswachstum sowie die Inflationserwartungen waren im grünen Bereich und die Aktienmärkte angesichts des starken Gewinnwachstums nicht überteuert. Zudem wurde die Zinsschraube von der US-Notenbank nur langsam und von einem sehr tiefen Niveau aus angezogen. Und dennoch kam es im 4. Quartal 2018 zu Marktturbulenzen, die stark an die Implosion der Dot.com-Blase oder an die Finanzkrise 2008 erinnerten. Der Sturz an den Kapitalmärkten war so gross, dass 2018 keine wichtige Anlagekategorie die Inflation schlagen konnte. Doch wie kam es zum schlechtesten Börsenmonat Dezember seit 1931?

US-Notenbankchef und China am Pranger

Die Medien hatten die Schuldigen schnell ausgemacht: Im September hatten die US-Aktienleitindizes noch neue Höchststände markiert – Apple und Amazon.com hatten die magische Marke von einer Billion US-Dollar Marktkapitalisierung durchbrochen. Doch dann hat der erst im Februar 2018 neugewählte Chef der US-Notenbank Fed Jerome Powell in seiner Rede am 3. Oktober zu viel Interpretationsspielraum gelassen. Zum ersten Mal hatte er angedeutet, dass die Fed die Leitzinsen über das sogenannte neutrale Zinsniveau hinaus anheben könnte – und die Marktteilnehmer damit stark verunsichert. Der Schaden war angerichtet: Die Marktteilnehmer schalteten im Nu von risiko-freundlich auf risiko-avers. Das Ganze geschah im Schatten des schwelenden Handelskonflikts zwischen den USA und China – die weiteren Schuldigen waren also auch rasch identifiziert.

Die Verunsicherung an den Märkten erreichte ihren Höhepunkt im Dezember, als die Wachstumssorgen auf globaler Basis breitflächig in die Kapitalmärkte eskomptiert wurden.

Dysfunktionalitäten: Brexit und Trump

Die Erklärung der Medien leuchtet auf den ersten Blick ein. Doch sind dies die wahren Gründe für den Marktsturz oder gibt es andere, wichtigere Faktoren, welche die Aktienmärkte derart stark unter Druck gebracht hatten?

Der zentrale Faktor war wohl die latente politische Dysfunktionalität beidseits des Atlantiks – einerseits die des Weissen Hauses in Washington und andererseits die in der Downing Street 10 in London. Es ist schon fast beängstigend mitanzuschauen, wie die britische Regierung in der Brexit-Diskussion krampfhaft versucht, eine Lösung zu finden. Obwohl die Regierung May das „Problem“ vom Vorgänger Cameron geerbt hat, ist sowohl der Brexit-Plan als auch die Vorgehensweise der letzten Monate definitiv ungenügend. Es können klare Anzeichen von Dysfunktionalitäten ausgemacht werden. Der Markt erwartet hier eine Lösung des Konflikts und nicht politische, ins Nirvana führende Rhetorik.

Im Weissen Haus auf der anderen Seite des Atlantiks sitzt im Moment jedoch die wohl viel grössere Dysfunktionalität in Form des US-Präsidenten. Zum ersten Mal innerhalb der letzten 100 Jahre ist der Kapitalmarkt mit einer Regierung konfrontiert, die weder ihre Richtung noch die Geschwindigkeit mit der sie arbeitet erahnen lässt. Was gestern beschlossen wurde, kann heute anhand von Fakten verändert werden und hat morgen vielleicht schon keine Gültigkeit mehr. Die US-Regierung hat sich in den vergangenen Monaten von einem stabilen Supporter in eine Hypothek verwandelt. Zum Höhepunkt kam es am 24. Dezember als sich der US-Präsident via Twitter selbst bemitleidete weil er aufgrund des US-Shutdowns alleine im Weissen Haus bleiben musste.

Die Nerven der Anleger sind stark strapaziert worden. Gibt es in dieser Situation ein Licht am Ende des Tunnels? Was verbirgt sich hinter dem Nebel politischer Dysfunktionalitäten?

Das Glas bleibt halbvoll

Das globale volkswirtschaftliche Umfeld für dieses Jahr weist bereits erste Wolken am Horizont auf. Es wird erwartet, dass das BIP-Wachstum schwächer ausfällt (USA zwischen 2 und 2.5 Prozent, global 3.5 Prozent) als im abgelaufenen Jahr, wir aber dennoch auf Wachstumspfad bleiben. Die Rezessionswahrscheinlichkeit für die grösste Volkswirtschaft bleibt derzeit gering. Der in den letzten Monaten stark gefallene Ölpreis dürfte auch den Inflationsdruck durch steigende Löhne in den G3-Volkswirtschaften eindämmen. Somit ist der Ausblick für 2019 nicht so schlecht, wie es der Aktienausverkauf im Dezember 2018 vermuten lässt. Eine Frage bleibt jedoch unbeantwortet, nämlich ob die derzeitigen politischen Dysfunktionalitäten das Wirtschaftswachstum und somit die Anlegerstimmung nachhaltig negativ beeinflussen können. Im Moment gehe ich nicht davon aus. Das Glas bleibt also halb voll.

Global Investment Outlook für das Jahr 2019: In vier kurzen Videos präsentieren unsere Anlageexperten den gesamtwirtschaftlichen Ausblick von LGT Private Banking Europe für das Jahr 2019 sowie die LGT Anlagestrategie für Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Währungen.

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