Der Witwenmacher: Schwierige Zeiten für aktive Investmentstrategien

Der Witwenmacher: Schwierige Zeiten für aktive Investmentstrategien 

Aktive Investmentstrategien litten in den letzten Jahren unter den Interventionen der Zentralbanken. Ihre Bedeutung wird aber wieder zunehmen.

Seit der Finanzkrise erzielten passive Strategien, wie beispielsweise ein Investment in den S&P 500, enorme Renditen. Aktive Investitionsansätze, welche unter anderem von Hedge Funds angewendet werden, hatten umgekehrt grösste Mühe mitzuhalten. Bevor man aktives Management jedoch ganz abschreibt, sollte man das ökonomische Umfeld genauer betrachten. Um die Wirtschaft zu stimulieren, senken die Zentralbanken seit Jahren die Zinssätze auf historische Tiefststände und beflügeln damit die Aktienmärkte respektive drücken die Marktvolatilität. Auch aktuell ist dies zu spüren: Viele Investoren reiben sich auch derzeit verwundert die Augen und staunen über die massive Aktienerholung trotz des wirtschaftlichen Abschwungs. Der Einfluss der Zentralbanken ist riesig und die Gefahr von sogenannten „Widowmaker-Trades“ allgegenwärtig.

Vorsicht vor dem Wittwenmacher

Der Begriff „Widowmaker“ zu Deutsch “Witwenmacher” wird in unterschiedlichen Bereichen verwendet. Umgangssprachlich bezieht sich der Ausdruck auf alles was das Potenzial hat, jemanden schnell zu töten. In der Medizin bezeichnet er eine verstopfte Herzkranzarterie, welche zu einem Herzinfarkt führen kann, in der Forstwirtschaft lose Äste oder Baumkronen, die jederzeit herunterfallen und Waldarbeiter erschlagen können. Auch im Militär findet dieser Begriff Verwendung. So wird die Lockheed F-104 als Witwenmacher bezeichnet. Sie war in den 50-er Jahren das modernste und leistungsfähigste Kampfflugzeug der Welt. Kein anderer Jet konnte so hoch und schnell fliegen. Die Navigation des Sternenjägers war aber äusserst herausfordernd und alleine 1965 stürzten 26 Jets der deutschen Bundeswehr ab, statistisch alle zwei Wochen einer.

Markets can stay irrational longer than you can stay solvent

In der Finanzwelt findet der Begriff im Handel Verwendung. Er bezeichnet Trades, die für Investoren zu katastrophalen Verlusten führen. Oft erscheinen sie aus ökonomischer Sicht sinnvoll und sicher. Investoren vergessen aber, dass der Markt trotz Konsenserwartungen und historischen Mustern eine eigene, unerwartete Dynamik mit fatalen Konsequenzen annehmen kann. Wie der britische Ökonom John Maynard Keynes bereits vor fast 100 Jahren sagte: „Markets can stay irrational longer than you can stay solvent“.

„Japanifizierung“ der Welt

Der wohl bekannteste Widowmaker-Trade überhaupt ist der Leerverkauf von japanischen Staatsanleihen. Durch Markteingriffe gelang es der japanischen Zentralbank über die letzten Jahrzehnte die Zinssätze dieser Papiere auf beispiellose Tiefststände zu bringen, trotz Bevölkerungsrückgang, steigender Staatsverschuldung und gefallener Bonität. Da dieses Zinsniveau aus ökonomischer und finanzmarktheoretischer Sicht aber überhaupt keinen Sinn macht, wetteten aktive Manager immer und immer wieder auf Zinsanstiege und fuhren riesige Verluste ein. Durch die massiven Eingriffe der japanischen Zentralbank blieben diese Märkte also tatsächlich länger irrational als die Händler solvent.

Mittlerweile ist Japan aber längst kein Einzelfall mehr. Massive Zentralbankinterventionen sind zu einem globalen Phänomen geworden mit starken Auswirkungen in den unterschiedlichsten Märkten. Es bilden sich Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten und die Preisbewegungen sind für aktive Investmentstrategien schwer zu fassen. Die Gefahren von Witwenmacher-Trades sind allgegenwärtig.

Geringer Nutzen von Daten und Analysen

In einem solchen Umfeld ist es für aktive Investmentstrategien schwierig Renditen zu generieren und das Kundengeld zu schützen. Sicherlich stehen ihnen heutzutage eine Vielzahl von Daten und Analysen zur Verfügung, um möglichst genaue Prognosen zu treffen. Nur nützen das erlernte Finanzwissen, die aktuellsten Marktdaten und die detaillierte Analyse historischer Preisbewegungen wenig, wenn die Märkte hauptsächlich von einem intransparenten, unberechenbaren Marktteilnehmer, den globalen Zentralbanken, getrieben werden. In einem solchen Umfeld geht es vielen aktiven Managern wie den Piloten der Lockheed F-104. Auch diese befassten sich mit tausenden Seiten von Anweisungen, bevor sie in das Cockpit stiegen, und mussten während des Fluges über zahlreiche Anzeigen gleichzeitig wachen. Trotzdem konnten viele Piloten den Sternenjäger nicht bändigen und stürzten ab. Wie die aktiven Manager wurden sie also trotz minutiöser Vorbereitung und technischen Hilfsmitteln Opfer eines Witwenmachers.

Dennoch: Gute Aussichten für aktive Investmentstrategien

Die Sternenjäger sind mittlerweile am Himmel sehr selten geworden und viele von ihnen fristen heute ein Museumsdasein. Sie sind Geschichte und das ist auch gut so. Die Zukunft von aktiven Investmentstrategien sieht aber anders aus. Obwohl sie heute in einem von Witwenmachern geprägten Umfeld agieren müssen, werden sie zukünftig wieder an Relevanz gewinnen. Die Marktturbulenzen in diesem Jahr haben klar aufgezeigt wie verwundbar passive Ansätze sein können. Die gewaltigen globalen Konjunktur- und Finanzmarktprogramme vermochten die Märkte im vergangenen Quartal zwar einmal mehr zu beruhigen und führten trotz des wirtschaftlichen Abschwungs zu einem Kursfeuerwerk. Längerfristig führt dies aber in eine Sackgasse. Keynes hat Recht damit, dass der Markt sehr lange irrational bleiben kann – wir alle wissen aber, dass dies nicht für immer gilt. Ein Blindflug mit passiven Anlagelösungen wird in einem dynamischeren Marktumfeld nicht mehr die beste Wahl sein und aktive Strategien werden wieder an Bedeutung gewinnen.

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  1. Pingback: Artikel über Trading und Investments 12 Juli 20 | Pipsologie

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