Alpha: Das „Known Unknown“ der Finanzindustrie

Alpha: Das „Known Unknown“ der Finanzindustrie 

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Die interessanteste Kennzahl bei Investments ist die, die sich am wenigsten erklären lässt: Alpha.

Mit „Alpha“ bezeichnet man den Teil einer Portfolio-Rendite (P), der nicht aus bekannten Faktoren abgeleitet werden kann. Bekannte Faktoren sind: der Zins aus risikofreien Anlagen (RF), die traditionellen Risikoprämien (TRP) und die alternativen Risikoprämien (ARP). Nach dieser Klassifikation lässt sich die Portfolio-Rendite wie folgt darstellen:

P = RF + b . TRP + c . ARP + Alpha,

Die Parameter „b“ und „c“ stellen die Gewichtungen der Risikoprämien dar.

Alpha ist ein Beitrag zur Gesamtrendite P, der sich nicht mit den bekannten Faktoren (TRP und/oder ARP) analysieren – oder anders gesagt – zerlegen lässt. Alpha existiert als Unbekannte neben den bekannten Faktoren, lässt sich einerseits nicht als ihre Kombination ausdrücken, andererseits kann man sie zu diesen Faktoren addieren: es hat also doch mit diesen Faktoren etwas gemeinsam. Eine positive und präzise Charakterisierung der vermeintlichen Eigenschaften von Alpha ist schwierig. Leichter ist eine negative Definition: Alpha ist, was sich nicht erklären lässt, das „Known Unknown“ eines Portfolios, um es in Rumsfeld’schen Kategorien auszudrücken.

Eine Möglichkeit diese ganz besondere Natur von Alpha auszudrücken ist, indem wir Parallelen zu Systemen ziehen, die auf grundlegenden Bausteinen gebaut sind und ebenfalls Bekannte und „bekannte Unbekannte“ kennen. Betrachten wir folgende drei Systeme: die Elementarteilchen, die Sprache und die Mathematik.

Elementarteilchen: Alpha als Hypothese

Elementarteilchen wie Quarks und Elektronen sind die Grundbausteine der Materie. Was wäre in so einem System äquivalent zu „Alpha“? „Alpha“ wäre in diesem System einem Teilchen gleich, das sich nicht als Kombination der bekannten Teilchen ausdrücken lässt, aber dessen Existenz nachweisbar ist. Nachweisbar heisst, dass dieses Teilchen Spuren hinterlässt, indem es mit der bekannten Materie wechselwirkt. Durch Theorie und empirische Beobachtungen ist die Physik oft in der Lage, ein solches Teilchen genau zu charakterisieren. Experimente können so gestaltet werden, dass ihre Existenz und Identität geprüft werden kann. Beim finanziellen Alpha ist es kaum möglich, eine positive Definition seiner Eigenschaften zu geben, auch wenn die Wirkung nachgewiesen werden kann.

Sprache: Alpha als Bedeutung

Worte sind die Bausteine der Sprache. Werden sie nach grammatikalischen Regeln kombiniert, entstehen unendlich viele sinnvolle Aussagen und Texte. Was wäre ein Äquivalent für „Alpha“ in diesem System? Ein Gedicht könnte das „sprachliche Alpha“ sein: Die Bedeutung eines Gedichts ergibt sich nicht einfach aus der Bedeutung der einzelnen Worte. Es bringt in seiner Gesamtheit mehr zum Ausdruck. Seine Bedeutung lässt sich eben nicht in Worten „übersetzen“. Man könnte sagen, dass die Bedeutung eines Gedichts jenseits der Sprache liegt. Das heisst, sie wird durch Worte (des Gedichts) erzeugt, aber sie lässt sich nicht in reinen Worten erfassen. Dadurch unterscheidet es sich vom finanziellen Alpha, das sich zu anderen Faktoren hinzuaddieren lässt.

Zahlen: überhaupt Alpha?

In der Menge der natürlichen Zahlen lassen sich Primzahlen und zusammengesetzte Zahlen unterscheiden. Eine Primzahl ist eine natürliche Zahl, die grösser als eins und die ausschliesslich durch sich selbst und durch eins teilbar ist. Jede natürliche Zahl, die grösser als eins ist und selbst keine Primzahl ist, lässt sich als Produkt von mindestens zwei Primzahlen schreiben: Sie ist also eine sogenannte zusammengesetzte Zahl. Gibt es Platz in so einem System für „Alpha“? Primzahlen können als elementare Bausteine gesehen werden, aus deren Produkten alle anderen Zahlen entstehen, die nicht Primzahlen sind. Eine Zahl ist somit entweder ein Baustein oder eine Kombination aus diesen Bausteinen. Das heisst, es kann keine Zahl existieren, die weder Baustein noch eine Zusammensetzung davon ist.

Diese Analogie wäre ideal für die Gegner des finanziellen Alphas. Sie würden die Risikoprämien als Primzahlen betrachten. Ihre einzige Frage wäre, ob sich die Portfolio-Rendite, also eine Zahl, nach bekannten Faktoren, das heisst Primzahlen, zerlegen lässt oder nicht. Wenn nicht, dann würde man die Rendite – diese Zahl – nicht als Alpha bezeichnen, sondern als eine neu entdeckte Risikoprämie (Primzahl), die man in der Zerlegung von anderen Zahlen wiederfinden kann.

Die drei Analogien erlauben, die Natur vom finanziellen Alpha aus verschiedenen Perspektiven zu charakterisieren. Es entsteht eine kubistische Perspektive. Wir wissen jetzt etwas besser, was wir nicht wissen – und Alpha bleibt ein ganz eigenartiges „Known Unknown“.

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  1. Pingback: Finanzblogroll - Schulterblick - Finanzartikel KW 34 / 2017

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