Als der Postmann noch Bares brachte

Als der Postmann noch Bares brachte 

Geldbriefträger gab es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie waren gern gesehen, lebten aber gefährlich.

Wer erinnert sich eigentlich noch an Walter Spahrbier? Vermutlich nur noch ältere Menschen mit ausgeprägter TV-Nostalgie. Zuschauer, die sich in den 1960er und 1970er Jahren vor dem Fernseher, der damals umgangssprachlich «Flimmerkiste» hiess, versammelten, um sich populäre Shows wie «Vergissmeinnicht» und «Drei mal Neun» anzuschauen. Als ostentativ humorbefreiter Statist stieg der vom Showmaster Peter Frankenfeld für seine Show entdeckte Walter Spahrbier zu dem wohl bekanntesten Geldbriefträger im gesamten deutschen Sprachraum auf. Als er 1982 starb, galt er nicht nur in Deutschland, sondern auch in weiten Teilen der Schweiz und in Österreich als Kultfigur.

Herr Spahrbier übte einen Beruf aus, den es heute so nicht mehr gibt. Während seine Kollegen von der Briefzustellung mitunter auch unerfreuliche Post überbringen müssen, war der Geldbriefträger gern gesehen: Er brachte Bares, meist die Rente, mitunter aber auch einen Gewinn. Die Geldbriefträger arbeiteten in Zeiten, als man Geld nicht einfach am Bankomaten holen konnte und Cash noch fesch war. Heute, da eine bargeldlose Zukunft ernsthaft diskutiert wird, erscheinen Männer wie Walter Spahrbier (Frauen in dieser Position gab es nicht) wie Protagonisten aus längst vergangenen Zeiten.

Der deutsche Maler Ernst Bischoff-Culm setzte dem Geldbriefträger ein künstlerisches Denkmal. Sein Ölgemälde «Geldbriefträger» aus dem Jahr 1894 zeigt einen glücklichen Studenten aus einer schlagenden Verbindung mit Mütze, Couleurband und langer Porzellanpfeife. In seiner kleinen Bude empfängt er einen Geldbriefträger in der damals üblichen Uniform und erwartet zufrieden schmunzelnd die Auszahlung seines Geldes.

Geldbriefträger gab es im deutschsprachigen Raum schon seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. In Deutschland etwa durfte der Geldbriefträger in einigen Gemeinden schon ab 1868 Beträge bis zu 50 Taler zustellen. Dieses Limit wurde später auf 500 Taler erhöht. Während Geld- und Wertelogistiker heute mit gepanzerten Wagen durch die Gegend fahren, gingen die meisten Geldbriefträger damals noch zu Fuss. Allerdings waren sie bewaffnet. In regelmässigen Abständen wurden die Glücksboten von der Polizei im Umgang mit Handfeuerwaffen geschult.

Das war auch dringend erforderlich, denn vor allem in den 1920er Jahren stieg die Zahl der Überfälle auf Geldboten stark an. Um sich wehren zu können, vertrauten die Geldbriefträger nun nicht allein ihren Schusswaffen, vielmehr besuchten sie Selbstverteidigungskurse und liessen sich in Judo ausbilden. Aus den einstigen Judo-Schulen entstanden später Postsportvereine. Viele dieser Sportvereine sind geblieben. Walter Spahrbiers Kollegen freilich gingen schon vor Jahrzehnten in den Ruhestand.

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