Anlagepolitik: Gegensteuern im Grenzbereich

Anlagepolitik: Gegensteuern im Grenzbereich 

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In der Anlagepolitik gilt wie beim Autofahren: Unfälle zu vermeiden ist oberstes Gebot. Trockene Autobahnen erlauben hohes Tempo. Bei Nebel, Schnee oder Eisglätte wird der umsichtige Fahrer sein Tempo drosseln und sich auf plötzlich auftauchende Gefahren einstellen. An den Finanzmärkten ist ähnlich adaptives Verhalten angezeigt.

Autor: Dr. Alex Durrer, Chief Economist LGT Capital Partners

Denn kluge Köpfe schützen sich – obwohl jeder Schutz auch seinen Preis fordert. Den Kernbeitrag zur passiven Sicherheit können – Ausnahmen bestätigen die Regel – grundsätzlich nur grösstmögliche Diversifikation und Disziplin liefern. So sind auf Stufe der strategischen Asset Allokation (SAA) Vermögen nicht nur nach Anlageklassen und -regionen, -währungen sowie Managern bzw. Gegenparteien zu streuen, sondern ebenso nach konsequent zu Ende gedachten Extremszenarien.

In praxi gleicht die Aufgabe von Anlagestrategen nur allzu oft einer Rallye-Fahrt über kurvige Schotterpisten – mit beidseits tiefen Abgründen. Daher kommt als aktives Sicherheitselement zwingend taktisches Navigieren hinzu. Dabei darf man sich, um die Rallye der taktischen Asset Allokation (TAA) zu meistern, nicht auf den Sichtbereich unmittelbar vor der Motorhaube konzentrieren und jeden Stein auf der Fahrbahn berücksichtigen. Der Blick hat sich nach Möglichkeit viel weiter nach vorn zu richten – dies gilt in Kurven genauso wie auf geraden Streckenabschnitten! Leider werden die sich relativ behäbig ändernden ökonomischen Fundamentaldaten von den Märkten nicht stetig eskomptiert. Vielmehr werden etwa konjunkturelle Entwicklungen über längere Zeit „übersehen“, um anschliessend ruckartig eingepreist zu werden. Auf solche Stösse muss laufend reagiert werden – wobei der Blick aber weiter nach vorne gerichtet bleibt.

Unsere Standortbestimmung im Rückspiegel

Risikoarme Börsen wie die aktuelle Hausse mit jahrelang steigenden Kursen, die zu sportlichem Engagement animieren, starten typischerweise von tiefen Bewertungen und sind getragen von expansiver Zentralbankpolitik und spannungsfreiem Wirtschaftswachstum ohne Überhitzungssymptome. Aktuell blicken wir zurück auf eine überdurchschnittlich lange Phase, in der all diese Voraussetzungen in geradezu idealtypisch gewinnbringender Weise erfüllt waren. Doch sind wir einstweilen, nach allen verfügbaren Vergleichsmassstäben, spätzyklisch unterwegs!

Investorama – Trends und Entwicklungen an den Finanzmärkten
In der vierteljährlichen Publikation Investorama analysieren wir Trends und Entwicklungen an den Finanzmärkten, um unsere Kunden bei ihren Anlageentscheidungen optimal zu unterstützen. Ausgabe 5/2018

Vor uns liegt eine Wegstrecke mit schwer abschätzbaren Risiken. Noch bewegt sich die Weltwirtschaft, dank jenes seit der Finanzkrise rund um den Globus aggressiv expansiven „Policy Mix“, insgesamt auf Wachstumskurs. Doch wird die zyklische Divergenz zwischen den Industrienationen und strukturschwachen Schwellenländern ausgeprägter – die Aufwärtsbewegung ist nicht mehr synchron. Die US-Wirtschaft läuft auf allen Zylindern so stark, dass Kapazitätsgrenzen erreicht werden: zum einen bei Energie und Rohstoffen, zum andern am angespannten Arbeitsmarkt – was Löhne und Inflationsraten (bislang zwar erst graduell) hat ansteigen lassen.

Konjunkturelle Entwicklungen werden von den Märkten oft über längere Zeit „übersehen“, um anschliessend ruckartig eingepreist zu werden. Auf solche Stösse muss reagiert werden.

Die Zentralbanken sind gefordert, ihre monetäre Normalisierung voranzutreiben – und die Regierungen wären es ebenfalls (Konjunktiv!), ihre Budgets und Schuldenberge unter Kontrolle zu bringen… Ein „normales“ zyklisches Muster spräche alsbald für ein Auslaufen der Hausse und vermehrte Kurskorrekturen – wäre da nicht die Administration Trump mit ihren spätzyklischen Fiskalexzessen dazwischengekommen.

Vorlaufende Indikatoren sind gefragt, möglichst solche von präziser und zuverlässiger Gattung. Leider bleibt perfektes Timing mithilfe makroökonomischer Frühindikatoren genauso unerreichbar wie eine ideale Stabilitätspolitik. Denn weder können politische Akteure, etwa Notenbanker, die Wirtschaft wie Ingenieure mechanistisch feinsteuern, noch reagieren die Zielgrössen – also Wachstums- und Inflationsraten – immer in gewünschter Weise auf monetäre Impulse. Im Gegenteil kommt es zu Zeitverzögerungen und Rückkoppelungseffekten, die im Vorfeld nur schwer abschätzbar sind. Wie bei einem Radarwarner stellt sich bei Frühindikatoren das Problem der richtigen Empfindlichkeit: Allzu sensitiv eingestellt, dominieren Fehlanzeigen, weil viel zu viele – nur vermeintliche – Wendepunkte angezeigt werden. Demgegenüber erfolgt im umgekehrten Fall eines zu trägen Eichmassstabs die – tatsächliche korrekte – Diagnose viel zu spät…

Die Moral für Investoren lautet, ähnlich wie für Automobilisten und Piloten, erstens: Sich von nichts und niemandem drängen lassen. Besser ist es, zweitens, die Geschwindigkeit bzw. die Risikonahme den Verhältnissen anzupassen und dabei realistisch der eigenen Risikofähigkeit Rechnung zu tragen. Schliesslich gilt es, drittens, im aktuell erreichten Grenzbereich zwischen allmählich auslaufendem Aufwärtstrend und abrupt vermuteter Wende behände die Bereitschaft zu beherztem Gegensteuern anzutrainieren. Nach einer langen, fast monotonen Strecke geradeaus aufwärts ist die Gefahr besonders gross, unaufmerksam zu werden und den rechtzeitigen Spurwechsel zu verpassen.

Es gibt 3 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Artikel über Trading und Investments 02. Dez 18 | Pipsologie
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