Mit dem Strom oder gegen den Strom?

Mit dem Strom oder gegen den Strom? 

Modewellen, politische Strömungen, ökonomischer Newsflow, Kapitalflüsse: Zwischen den Entwicklungen in der Modewelt und Trends in Politik, Wirtschaft und Finanzwelt gibt es Gemeinsamkeiten. Aus diesen Parallelen und Analogien lassen sich gewisse Konsequenzen ziehen. In allen genannten Bereichen zeigen sich kurzlebige, aber auch länger anhaltende Trends. Und allenthalben stehen wir vor der Frage, ob und oder wie lange wir mit dem Strom bzw. ab wann wir gegen den Strom schwimmen sollen.

Autor: Dr. Alex Durrer, Chief Economist LGT Capital Partners

In der Mode geht es fast ausschliesslich um subjektive Geschmacksfragen im Hinblick auf die aktuellen Idealvorstellungen und Vorbilder – weshalb die Entscheidungsfindung spontan und „aus dem Bauch heraus“ erfolgen darf. Ziel einer modebewussten Person ist es, neue Lifestyle-Trends schon vor der Mehrheit der Mitmenschen aufzuspüren und sich entsprechend einzukleiden oder zu frisieren. Wer mit diesem Strom nicht mitschwimmen mag, hält sich bevorzugt an jene klassische Mode, die nie ganz „out of fashion“ ist. Nur in Ausnahmefällen lassen sich rational-objektive Bewertungskriterien für die eine oder die andere Haltung ausmachen.

Es braucht mehr als Trends in Politik und Wirtschaft

In politischen Belangen können Stilfragen (bis hin zu gezielten Provokationen) zwar ebenfalls eine gewisse Rolle spielen, hier ist die Willensbildung jedoch anspruchsvoller und sollte analytischer, mehr „über den Kopf“ vonstattengehen. Versucht man, den aktuell vorherrschenden Zeitgeist auf den Punkt zu bringen, so bleiben (bei zunächst bewusstem Ausklammern von allem „Corona-Politischen“) vor allem die Klimaschutzbewegung und Kundgebungen von Globalisierungskritikern im Brennpunkt. Die beiden Strömungen haben viel gemeinsam: auf der einen Seite einen Kern legitimer Berechtigung, auf der anderen Seite eine Affinität zu planwirtschaftlichem Interventionismus bis hin zur radikalen Ablehnung des Systems Marktwirtschaft. Diese Tendenzen machen nicht einmal vor Währungshütern Halt. Zentralbanken haben jedoch einzig und allein für Preisstabilität zu sorgen, was schwierig genug und überhaupt nicht langweilig ist. Also sollten sie ihre im Kontext von „quantitativer Lockerung“ geschaffenen Milliarden nicht „grün“ anlegen wollen, ergo darf die EZB auch unter ihrer neuen Führung nicht zu einer „ESG-ZB“ mutieren. Denn ein zyklisches Instrument wie die Geldpolitik taugt nachweislich nicht zur Lösung eines strukturellen Phänomens wie dem Klimawandel. Und eine Politisierung von Währungsbehörden – das hat die Geschichte genügend gezeigt – endet stets ungut: Sie führt zu Notenbanken, die eines Tages für fast alles zuständig, aber zu nichts mehr fähig sind.

Auch im Zuge der Corona-Krise waren öffentliche wie privatwirtschaftliche Entscheidungsträger Strömungen ausgesetzt. China hat den sog. Lockdown, jene unverhältnismässige Narkotisierung des gesamten sozioökonomischen Lebens, vorgemacht, und die meisten Regierungen sind im Strom der autoritären Grossmacht mitgeschwommen. Nur wenige haben es gewagt, sich dem Sog der Masse zu entziehen und gegen den Strom zu schwimmen. Zu nennen wäre hier etwa Schweden, das auf ein Herunterfahren der Wirtschaft verzichtet hat und ohne jede Herdenmentalität eine Herdenimmunität anstrebte. Oder auch der rebellisch-libertäre Tesla-Visionär Elon Musk, der seine kalifornischen Fertigungsstätten entgegen der Anweisung des Gesundheitsamtes frühzeitig wieder anlaufen liess. Beide sind sie mit ihrem „gesunden Menschenverstand“ gegen den Strom geschwommen, haben grösseren Schaden abgewendet, standen bei der Majorität von Rechthabern aber entsprechend arg in der Kritik.

Investoren sollen ihrem Anlagestil treu bleiben

Ähnlich wie an einer Modeschau, bei der Kleideranprobe vor dem Spiegel oder im Rahmen der politischen Willensbildung, so fragt man sich auch als Investor ständig in Bezug auf die Finanzmärkte, auf welche Trends zu setzen ist. Wo soll man sich mit Vorteil an das Motto „the trend is your friend“ halten, wann besser abseitsstehen oder sogar „Contrarian“ spielen? Befinden wir uns gerade an einem Wendepunkt, oder steht ein solcher unmittelbar bevor? Auf keinen Fall sollten sich Anleger bei ihren Entscheidungen allein von der Interpretation des konjunkturellen Nachrichtenflusses leiten lassen, der von einer heftigen Zufallskomponente überlagert wird. Darüber hinaus ist, unter Berücksichtigung von diversen gegenläufigen Wechselbeziehungen mit unterschiedlichen inhärenten Zeithorizonten, eine Vielzahl sowohl struktureller Faktoren als auch technischer Orientierungsgrössen zu beurteilen – bis hin zur aktuellen Marktverfassung und Marktbewertung. Auf dieser Basis ist der jüngst perfekte „V-Verlauf“ der Börsen nicht als irrational einzustufen – zwar noch nicht, weil nach der schärfsten und kürzesten Rezession aller Zeiten eine V-förmige Erholung zurück auf den früheren Wachstumspfad schon ausgemachte Sache wäre, aber dank der anhaltenden Tiefstzinsen, zu denen selbst in sehr weiter Zukunft anfallende Erträge abdiskontiert werden. Schlaue Investoren haben zudem gelernt, jede Bewegung ihrer Zentralbank genau zu beobachten und sich in deren finanziellem Kielwasser zu bewegen – freilich nur, solange sich diese nicht auf Abwege begeben! Schliesslich ist an den Börsen auch eine gesunde Dosis „Bauchgefühl“ gefragt.

Ich stand einmal am Heck einer Mittelmeerfähre und sah in das strudelnde Kielwasser. Da kam ein grosses Blatt Papier angeschwommen. Plötzlich wurde es aus seiner bisherigen Kursrichtung herausgerissen und von unserem Kielwasser abrupt in die entgegengesetzte Richtung mitgezogen. An den Finanzmärkten sind – im Kontrast zum beobachteten Papier, das ja willenlos war – solch überstürzte Kurswechsel unter Fremdeinfluss bewusst zu unterlassen.

In Analogie zur individuellen Stilanalyse zur Bestimmung der optimalen Garderobe oder Frisur ist beim Festlegen des persönlichen Anlagestils eine realistische und ehrliche Einschätzung der eigenen Ambitionen und Risikofreude an den Anfang zu stellen, was beides gerne überschätzt wird. Danach ist wichtig, einem passenden Stil grundsätzlich treu zu bleiben. Auch bei temporären Rückschlägen (gewissermassen „negativem Feedback von Seiten der Märkte“) sollte man nicht gleich in Selbstzweifel verfallen und die persönliche Wahl verwerfen. Wer diese Regel befolgt und die Geduld aufbringt, auf verdiente „Börsen-Komplimente“ zu warten, optimiert Wohlstand und Selbstvertrauen zugleich. Lassen Sie sich im Zweifel etwas inspirieren, fragen Sie Ihren Kundenberater nach unserer aktuellen „Herbstkollektion“ oder nach einem massgeschneiderten Anlagevorschlag!

Investorama – Trends und Entwicklungen an den Finanzmärkten
In der vierteljährlichen Publikation Investorama analysieren wir Trends und Entwicklungen wie Multi-Asst-Portfolios, um unsere Kunden bei ihren Anlageentscheidungen optimal zu unterstützen. Ausgabe 4/2020

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