Wenn traurige Narren leere Geldbeutel waschen

Wenn traurige Narren leere Geldbeutel waschen 

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Die „fünfte Jahreszeit“ ist die kürzeste. Für die Narren beginnt am Mittwoch wieder der Ernst des Lebens. Die tollen Tage werden in weiten Teilen Süddeutschlands mit einer alten Tradition verabschiedet: Man taucht die leeren Geldbeutel ins Wasser und hofft, dass sie sich bald wieder füllen mögen.

Während die einen ernsthaft über Sinn und Zweck der Helikopterwährung diskutieren, suchen andere auf der eher mikroökonomischen Ebene eine Antwort auf eine stets aktuelle Frage: Was tun, wenn der Geldbeutel leer ist? Eine halbwegs ordentliche Bonität vorausgesetzt, könnte man in einer solchen Situation natürlich einen Kredit aufnehmen. Viele Narren jedoch folgen einer ganz anderen, jahrhundertealten Tradition, um liquide zu bleiben: Sie waschen am Aschermittwoch ihre Geldbeutel.

Vor allem in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht wird auf diese Weise in tiefer Trauer Abschied genommen von den „tollen Tagen“. Und da diese Tage oft nicht nur toll, sondern auch teuer waren, belastet neben der Katerstimmung am Aschermittwoch auch die ernüchternde Erkenntnis das Gemüt der Narren, dass nichts mehr drin ist im Geldbeutel.

Geldbeutelwäsche – eine Art Katharsis

Also waschen die meist schwarzgekleideten „Trauergäste“ ihre Portemonnaies in der Regel in öffentlichen Brunnen – in der Hoffnung, dass sich die Geldbehältnisse bald wieder füllen mögen. Spätestens, wenn in einem Dreivierteljahr die nächste Kampagne oder Saison beginnt, sollte der Geldbeutel wieder prall sein. Die Geldbeutelwäsche – in manchen Regionen auch Geldbeitlwäsch genannt – kommt also einer Katharsis nach den vorausgegangenen närrischen Tagen gleich.

Eine lange Tradition hat das Geldbeutelwaschen vor allem in Wolfach im Schwarzwald. Dort ist dieser Brauch seit 1865 bekannt. Aber auch in München, Furtwangen, Erlangen und in anderen Gemeinden Süddeutschlands tauchen trauernde Narren ihre Geldbeutel ins Wasser und hoffen, mithilfe dieser submarinen Lösung wieder flüssig zu werden. In der Stadt Freiburg werden die leeren Portemonnaies üblicherweise in den bekannten „Bächle“ gewaschen, da diese aber in der kalten Jahreszeit oft trockengelegt werden, bedienen sich die Narren ganz pragmatisch Bächleswasser aus Eimern – und seufzen traurig ein letztes „Narri Narro“.

Geldbeutelwäscher in der Literatur

Hinweise auf diese närrische Trauerverarbeitung finden sich sogar in der Literatur. Der auch unter dem Pseudonym Hans am See bekannte Schriftsteller Heinrich Hansjakob (unter anderem: „Das Narrenschiff unserer Zeit“) beschreibt in seiner Erzählung „Theodor der Seifensieder“, dass damals, im 19. Jahrhundert, nach dem „Begraben der Fasnet am Stadtbrunnen die leeren ledernen Geldbeutel gewaschen wurden“. Und auch der aus über 200 brozenen Figuren und Allegorien rund um die Narrenzeit bestehende Mainzer Fastnachtsbrunnen auf dem Schillerplatz der Landeshauptstadt kommt selbstverständlich nicht ohne den Geldbeutelwäscher aus, der sei leeres Portemonnaie mit jammervoller Miene in das Wasser des Brunnens taucht.

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