Auf Sand gebaut: versteckter Krisenherd der Weltpolitik

Auf Sand gebaut: versteckter Krisenherd der Weltpolitik 

1.1 (22.42%) 198 votes

Klimawandel, Wasserknappheit und Plastikmüll im Meer werfen derzeit hitzige Diskussionen auf. Kein Wunder, denn der diesjährige Sommer bricht wieder alle Rekorde. Doch im Schatten dieser Diskussionen spielt sich ein weiteres Drama ab: die sogenannten „Sand-Kriege“.

Sand ist nach Wasser die am zweithäufigsten verbrauchte Ressource der Erde. Er wird für die Herstellung von Zement oder Ziegelsteinen benötigt und kommt als Rohstoff im Putz von Wänden oder in Böden vor. Sand ist ein verborgener Motor der zivilisierten Gesellschaft: ohne ihn würde es weder Computerchips noch Solaranlagen geben, geschweige denn die künstlichen Inseln des Wüstenstaats Dubai, für deren Bau 385 Millionen Tonnen Sand importiert wurden.

Sand: Eine knappe Ressource

Laut dem Bericht der Vereinten Nationen „Sand, knapper als man denkt“ aus dem Jahr 2014 werden weltweit jährlich rund 40 Milliarden Tonnen Sand verbraucht, doppelt so viel wie alle Flüsse gemeinsam ins Meer schwemmen. Darin enthalten sind 180 Millionen Tonnen Quarz- und andere Industriesande, die für die Herstellung von Produkten wie Smartphone-Displays, Windkraft-Rotoren oder künstliche Hüftgelenke verarbeitet werden.

Um an diese viel verwendete Ressource zu gelangen, werden teilweise fragwürdige Methoden eingesetzt. So werden Meeresböden illegal abgesaugt und Flüsse ausgebaggert. Ganze Ökosysteme werden verändert und Strände verschwinden. Vor Florida wurde beispielsweise der Meeresboden entlang der Küste mit sogenannten „Staubsaugerschiffen“ abgesaugt. Da der Sand dort aufgrund der einsetzenden Erosion fehlte und es häufiger zu Überschwemmungen kam, mussten die Strände wieder mit Sand befüllt werden. Aber nicht nur der direkte Sandabbau, auch indirekte Massnahmen wie das Stauen von Flüssen führen zu geringerer Sedimentlieferung und damit ebenfalls zur Erosion der Strände und Küstengebiete. Zudem trägt auch der Sandabbau auf dem Festland, zum Beispiel von Küstendünen wie in Monterey Bay in Kalifornien, langfristig zur Erosion bei.

Sand als Krisenherd

Aber nicht nur umwelttechnisch ist der weltweite Sandabbau ein Problem. Bereits heute sorgt der Rohstoff auch für internationale Konflikte. So weiten Singapur oder China mit dem Aufschütten von Riffen ihre Territorien aus, um Gebietsansprüche geltend zu machen. Die Fläche von Singapur wuchs seit 1973 um 20 Prozent, und bis 2030 sollen im Stadtstaat sieben Millionen Menschen Platz finden. Die knapp eineinhalb Millionen zusätzlich erwarteten Bewohner sollen in neuen Gebäuden Platz finden, für deren Bau eine Menge Zement verbraucht wird – und für dessen Herstellung es wiederum eine Menge Sand benötigt wird. Doch woher nimmt Singapur so viel Sand?

Der Stadtstaat saugt ihn teilweise illegal vom Meeresgrund in Indonesien ab oder importiert ihn aus Vietnam. So verschwanden aufgrund des Baubooms und des wachsenden Sandbedarfs in Singapur bereits drei indonesische Sandinseln. Und es kommt noch heftiger: Singapur verbraucht nicht nur Massen von Sand, der Bauboom fördert zudem den Klimawandel. So schätzt das Carbon Dioxide Information Analysis Center (CDIAC), dass 2010 weltweit rund 1.65 Milliarden Tonnen CO2- Emissionen allein durch die Zementproduktion verursacht wurden. Das sind ungefähr fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Singapur leistet mit dem Bauboom einen stolzen Beitrag zu den CO2-Emissionen, obwohl es sich neben 196 anderen UN-Mitgliedsstaaten mit der Unterzeichnung des Paris Agreements klar dazu verpflichtet hat, Massnahmen zu treffen, um die Erderwärmung auf maximal zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen.

Urban Mining: Rohstoffquelle der Zukunft?

Wenn Meeressand so begehrt und knapp ist, und wir trotzdem weiter Häuser bauen wollen, dann sollten wir uns dringend nach Alternativen umschauen. Doch das ist gar nicht so einfach: Wüstensand zum Beispiel eignet sich nicht für die Zementherstellung. Dafür braucht es Sandkörner mit Ecken und Kanten aus Gewässern und keine runden Wüstensandkörner, da diese nicht zusammenkleben. Eine neue Lösung für den Gebäudebau ohne Sand könnte Urban Mining sein. Das ist nichts anderes als Rohstoffgewinnung in der Stadt. Bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt in Dübendorf in der Schweiz (EMPA) steht seit 2017 ein Haus, das rein aus Rezyklaten gebaut wurde und komplett recycelbar ist. An diesem Projekt haben neben der EMPA auch die ETH Zürich und die Universität Stuttgart mitgearbeitet.

Eine Reihe weiterer Universitäten und Firmen forschen derzeit an sandlosen Baumaterialien und versuchen Methoden zu entwickeln, mit denen Wüstensand doch noch für den Gebäudebau verwendet werden könnte. Zudem gehen sie ganz im Sinne von Urban Mining der Frage nach, wie bereits verbautes Material wieder in den Kreislauf gelangen könnte und zu Wertstoff statt zu Abfall wird.

Umbau statt Abriss: Auch bei der LGT

Diesem Motto hat sich auch die LGT verschrieben. Deshalb ist unser Gebäudemanagement von der Planungs- und Bauphase über die Inbetriebnahme und den regulären Betrieb bis hin zur Erhaltung und Renovation konsequent auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Ein gutes Beispiel dafür ist der Umbau unserer heutigen Niederlassung in Genf. Das Gebäude kam durch eine Übernahme in unseren Besitz. Es war in einem eher schlechten Zustand. Die LGT hat das Gebäude nach dem Minergie-Standard saniert inklusive dem Einsatz von Seewasser zum Heizen und Kühlen des Gebäudes und der Installation einer Photovoltaik-Anlage, und arbeiteten beim Umbau eng mit lokalen Unternehmen, Lieferanten und Handwerkern zusammen.
Es gibt 5 Kommentare zu diesem Artikel
  1. HF Pucher at 06:50

    Liebe Ursi,
    vielen Dank für Deinen Blog. Es ist einmal mehr ernüchternd und erschreckend, wie wir unser Dasein auf Sand im doppelten Sinne errichten.

    • Ursula Finsterwald
      Ursula Finsterwald at 16:59

      Lieber Herbert
      Besten Dank für Deinen Kommentar. Ich kann Dir diesbezüglich nur zustimmen. Es ist wichtig, dass an Alternativen zu Sand geforscht und urban mining noch viel stärker berücksichtigt wird.
      Beste Grüsse
      Ursula

  2. Markus at 14:39

    Ja, danke für den Artikel. Ich habe ihn mit grossem Interesse gelesen. Ressource Sand…ein Thema, das mir so noch nicht bewusst war.

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 13. August 2018 | marktEINBLICKE
  4. Pingback: Kleine Presseschau vom 13. August 2018 – Firmenweb | Business News im Minutentakt

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.