Das Kapital namens Aufmerksamkeit

Das Kapital namens Aufmerksamkeit 

„Aufmerksamkeit ist das Leben“, wusste schon Goethe. Wenn heute Medien und Werbung mit harten Bandagen um ihr Publikum kämpfen, dann folgen sie den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie.

Die Ökonomie teilt die Wirtschaft in Sektoren ein: Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen. Aber nicht nur Agrar- oder Industriegüter stellen Produkte dar, die sich herstellen und handeln lassen, sondern auch gänzlich andere wie etwa Bildung, Kommunikation, Medien, Musik, Medizin, Forschung und Entwicklung – sie bilden einen vierten Sektor, die Informationsökonomie. Und weil jede Art von Information ihren Zweck erst dann erfüllt, wenn sie auf aufmerksame Empfänger trifft, unternahm 1998 der Stadtplaner und Ökonom Georg Franck den Versuch, den Zusammenhalt der Gesellschaft über den Austausch und die Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit zu erklären. Neben der Ökonomie des Geldes, schreibt Franck, existiere auch eine Ökonomie der Aufmerksamkeit, deren Kapital Grössen seien wie Prestige, Reputation, Prominenz oder Ruhm.

Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.

Georg Franck, Ökonom

Der Grund dafür liege in der enormen Bedeutung des Beachtetwerdens für die Selbstwertschätzung des Menschen: Über den Ertrag an Aufmerksamkeit festige und maximiere der Mensch seinen Selbstwert.

Aufmerksamkeit: Das Spiel zwischen Reichweite und Prominenz

Aufmerksamkeit ist in einer von Reizüberflutung geprägten Zeit ein kostbares Gut – und daher von Medien, Kommunikation und Werbung hart umkämpft. Denn Beachtetwerden ist bares Geld wert: Ein blinkendes Banner im Web lässt die Distanz zwischen Kunde und Kasse auf wenige Mausklicks schrumpfen. Der ökonomische Wert der Aufmerksamkeit allerdings gründet tiefer. Die Beachtung anderer Menschen zu gewinnen, sei verlockender noch als Geld. Wenn immer mehr Menschen sich die Insignien materiellen Reichtums leisten könnten, sei das, was die wirklichen Eliten heute auszeichne, ihre Prominenz, ihr Status als Grossverdiener an Aufmerksamkeit.

Und doch sind die Ökonomien der Aufmerksamkeit und des Geldes aufs engste miteinander verflochten. Wer nach Beachtung strebt, ist auf Reichweite angewiesen, Reichweite, wie sie Presse, Radio, Fernsehen soziale Medien zu bieten haben. Medien wiederum sind auf Prominenz angewiesen, weil ihr Publikum kaum etwas lieber sieht als Stars, und weil finanzieller Erfolg (in Form von Auflagenhöhen, Einschaltquoten und Klickraten) von der Aufmerksamkeit des Publikums abhängt. Prominenz erfordert und erzeugt Reichweite gleichermassen, und so leben Menschen auf der Suche nach Beachtung in enger Symbiose mit Medien, die vom Angebot an Werbefläche leben. Der Drang nach einem bisschen Ruhm hat ein schier unerschöpfliches Marktpotenzial, und um diese ökonomische Verwertungslogik wissen längst nicht nur Regenbogenpresse und Boulevard, sondern selbst die angesehensten Medienhäuser.

Facebook und Google: Dank Algorithmen zur maximalen Aufmerksamkeit

Die wahren Meister dieser ökonomischen Verwertungslogik aber sind Webgiganten wie Facebook oder Google. Der Investor Roger McNamee etwa warnt energisch vor dem Schaden, den die algorithmisch gesteuerte Massenverbreitung von Werbebotschaften anrichte. „Ich habe früh in Google und Facebook investiert“, schreibt er in der Zeitung „USA Today“ und im britischen „Guardian“, „doch heute verstören sie mich.“ Facebook und Alphabet (die Holding hinter Google und Youtube) hätten Computertechniken zur Aufmerksamkeitsmaximierung entwickelt mit dem Ziel, die Menschen süchtig zu machen. Der durchschnittliche User, rechnet McNamee vor, checke sein Handy 150-mal pro Tag, und das gefährde die öffentliche Gesundheit und die Demokratie. Es sei Aufgabe der Gesellschaft, Suchtmittel zu regulieren, und im Fall von Facebook oder Google sei es dafür jetzt höchste Zeit.

Übermässige Aufmerksamkeit dagegen wird dem Schöpfer des Konzepts trotz hoher wissenschaftlicher Reputation nicht zuteil: Eine Vorlesung Georg Francks mit dem Titel „Moralische Eleganz“ aus dem Jahr 2014 kommt auf Youtube bis heute auf wenig mehr als 2000 Klicks.

Leselinks
– Georg Franck: Ökonomie der Aufmerksamkeit
– Roger McNamee: How Facebook and Google threaten public health – and democracy

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