Die Hausfrau, der Bonvivant und die Austerität 

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Europa bremst. Mit Austerität wollen Politiker die aktuelle Wirtschaftskrise überwinden. Der Begriff „Austerity“ steht für eine rigorose Sparpolitik und wurde in Großbritannien um die Zeit des zweiten Weltkrieges geprägt. Trotz der immensen Kriegsausgaben sollte damals eine Balance zwischen Staatseinnahmen und -ausgaben gewahrt werden. Jetzt streiten die Experten: Ist Austerität auch aktuell das richtige Rezept? Oder sparen wir unsere Wirtschaft im Gegenteil noch ganz zu Tode?

Der Fall Helga: Austerität als ökonomische Ratio

Die Grundprinzipien der Austerität sind keineswegs abstrakt. Sie entsprechen denen der klug wirtschaftenden Hausfrau. Unsere Hausfrau, nennen wir sie Angela – nein – Helga, folgt einer quasi organischen Ratio: Was ausgegeben wird, muss zuerst verdient werden. Für den Haushalt heisst das:

  • Einnahmen und Ausgaben müssen sich die Waage halten.
  • Investitionen werden nur dann getätigt, wenn sie langfristigen Mehrwert versprechen.
  • Schulden werden nur dort und nur dann gemacht, wenn ihre Tilgung absehbar ist.

Angelas – nein – Helgas Hausfrauenökonomie hat ein sehr wirksames Argument auf ihrer Seite: Hausfrauen gehen – im Gegensatz zu Unternehmen – fast nie insolvent. Andererseits dürfen wir von Helga keine New Deals erwarten, keine großen Sprünge, die dem Wirtschaftsleben kräftige Impulse verpassen.

Der Fall Bonvivant: Ausgeben als ökonomische Ratio

Auch das Gegenteil der Austerität fusst auf einer ökonomischen Ratio, setzt jedoch andere Prioritäten. Helgas Opponenten sehen in der Stimulation von Wachstum durch staatliche Investitionen das Mittel für eine mittelfristige wirtschaftliche Belebung. Langfristig sollen sogar Staatsfinanzen wieder gesunden, dann nämlich, wenn das Steueraufkommen wieder wächst. Diese Wachstumsstimulation ist zumindest für den Augenblick sozialverträglich, weil die Auswirkungen von Krisen durch Investitionen abgefedert werden können. Das „Gute Leben“ ist also sozialer und ökonomischer Ausgangspunkt unseres wirtschaftspolitischen „Bonvivants“. Da es keine zwingende Notwendigkeit mehr gibt, ihn Silvio zu nennen, verzichten wir darauf. Auch der Bonvivant hat mächtige Argumente auf seiner Seite. Investitionen können wirtschaftliche Abwärtsspiralen bremsen, Kettenreaktionen unterbrechen, im günstigsten Falle neue wirtschaftliche Dynamik erzeugen – und sichert natürlich auch Wählerstimmen. Die Lösung der aktuellen Probleme durch Investitionen verlagert allerdings das Problem in die Zukunft: Irgendwann werden unsere Enkel die schuldfinanzierten Investitionen tilgen müssen.

Der Fall: Fakten, Hintergründe und mögliche Ausreden in Sachen Austerität

Möglicherweise ist die Frage nach Fluch und Segen der Austeritätspolitik eine Frage der Dosis, der Umstände und des Zeitpunkts. Schweden ist hierfür ein gutes Beispiel: Das Land durchlebte eine tiefgreifende Krise der Wirtschaft und der Staatsfinanzen in den 80er und 90er Jahren und bekämpfte diese erfolgreich mit Austerität – aber erst nachdem die Krise ihren Tiefpunkt durchschritten hatte. Vorher setzte man auf regulierende Maßnahmen im Finanzsektor, Abwertung der eigenen Währung und gezielte Investitionen, wie Karl-Heinz Thielmann auf dem Blicklog schreibt.

Austerität ist also in Vielem Ansichtssache. Sie und ihr Gegenpart können sowohl als ökonomisches Konzept, wie auch als Ausrede gebraucht werden. Die europäische Realpolitik wird mutmaßlich eine Mischung aus Austerität und Wachstumsimpulsen, aus Konzept und Ausrede eingehen. Wir dürfen also – im übertragenen Sinne – auf eine Affäre zwischen der Hausfrau und dem Bonvivant gespannt sein. Hoffen wir, es wird eine voller Leidenschaft und ohne Verhängnis.

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