Bankdaten für «big brother»?

Bankdaten für «big brother»? 

Privatsphäre gleich Null – der Protagonist Winston Smith und sämtliche Bürger von Ozeanien unterliegen in George Orwells Roman «1984» der vollständigen Überwachung eines totalitären Präventionsstaates. Soweit wird es im Europa des 21. Jahrhunderts in absehbarer Zeit wohl nicht kommen. Aber in den vergangenen sechs Jahren hat sich durchaus einiges verändert. Das vormals unantastbar geglaubte Bankgeheimnis ist löchrig geworden und der automatische Informationsaustausch mit dem Ausland scheint mittlerweile nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Was halten eigentlich die Menschen davon, die es betrifft? Die Ergebnisse unseres aktuellen LGT Private Banking Reports zeigen, dass die Mehrheit der vermögenden Privatkunden grundsätzlich diese Entwicklung unterstützt – mit einem grossen «ABER».

Sowohl in der Schweiz als auch in Österreich sind Private-Banking-Kunden mehrheitlich für den automatischen Informationsaustausch gegenüber dem Ausland: In der Schweiz stimmen 10 Prozent auf jeden Fall zu, und 51 Prozent unter bestimmten Bedingungen – wie beispielsweise einer fairen Lösung für bisher unversteuerte Vermögen oder der Teilnahme wichtiger Finanzplätze ausserhalb der EU. In Österreich sind 15 Prozent auf jeden Fall dafür und 62 Prozent unter bestimmten Voraussetzungen. Eine oft genannte Bedingung für die Zustimmung ist also das Zustandekommen einer fairen Lösung für bisher unversteuerte Vermögen. Die Befragten verstehen darunter wohl in erster Linie, dass Betroffene nicht kriminalisiert werden und bisher unversteuerte Gelder zu «vernünftigen» Bedingungen deklarieren können. Allerdings gehen die Meinungen, was in diesem Zusammenhang «vernünftig» ist, weit auseinander.

 Automatischer Informationsaustausch mit dem Ausland (Ländervergleich)

Informationsaustausch – Ja, aber…

Anders sieht es allerdings aus, wenn man nach dem Informationsaustausch gegenüber inländischen Behörden fragt. Dies lehnt die klare Mehrheit der schweizerischen Befragten ab. Nur 15 Prozent der Schweizer sehen kein Problem darin, dass Bankinformationen von Inländern direkt an die jeweilig zuständige Steuerbehörde in der Schweiz übermittelt werden. Weitere 27 Prozent würden dem unter bestimmten Bedingungen zustimmen. Aber eine Mehrheit von 56 Prozent lehnt den automatischen Informationsaustausch im Inland klar ab.

Die Österreicher sind hier anderer Meinung. Sie befürworten den Informationsaustausch innerhalb Österreichs mehrheitlich. 12 Prozent sind ohne Einschränkungen dafür, 47 Prozent stimmen der Regelung unter bestimmten Bedingungen zu. Klar dagegen äussern sich 40 Prozent der befragten Bankkunden.

Steuern zahlen – tolle Sache!?

Obwohl es den Schweizer Private-Banking-Kunden also wichtiger ist als den Österreichern, ihre Privatsphäre gegenüber dem eigenen Staat zu wahren, zeigen sie sich sowohl was die Verwendung der Steuern anbelangt, als auch hinsichtlich der Entrichtung von Steuern an den Staat wesentlich weniger kritisch als die Österreicher. Hohe 59 Prozent der Schweizer Befragten sind froh, in ihrem Land Steuern zahlen zu dürfen, in Österreich sind es nur 34 Prozent. Und während immerhin 33 Prozent der Schweizer zufrieden damit sind, wie ihre Steuergelder verwendet werden, können das nur 6 Prozent der Österreicher von sich behaupten. Ausserdem würde sich die Hälfte der österreichischen Befragten von ihrem Staat deutlich niedrigere Steuern wünschen, bei den Schweizern sind es nur 27 Prozent.

Dass dies allerdings wohl ein frommer Wunsch bleiben wird und die Realität anders aussieht, dessen sind sich die Befragten auch bewusst. Denn 74 Prozent der Österreicher und 56 Prozent der Schweizer gehen davon aus, dass die hohe Verschuldung vieler Staaten künftig zu deutlich höheren Steuern führen wird.

«Datensammeln verletzt die Privatsphäre»

Alles in allem legen vermögende Privatkunden heute weniger Wert auf absolute Diskretion in Geldangelegenheiten als früher. Das deckt sich auch mit der Erkenntnis, dass dieser Aspekt in der Bankberatung zunehmend an Bedeutung verliert. Lesen Sie dazu meinen dritten Blogbeitrag zum LGT Private Banking Report.

«Schnee von gestern» ist das Thema Privatsphäre und Bankgeheimnis für die Kunden aber durchaus nicht. Denn die klare Mehrheit der Befragten betrachtet das systematische Sammeln von Informationen über unbescholtene Bürger durch den Staat als inakzeptable Verletzung der Privatsphäre. Vor allen die Schweizer finden denn auch, dass sich hinter der Kritik am Bankgeheimnis vorwiegend wirtschaftliche Interessen anderer Finanzplätze verbergen. Und sowohl die Schweizer als auch die Österreicher lehnen die moralische Kritik am Bankgeheimnis mehrheitlich ab.

Privatsphäre und Bankgeheimnis (Ländervergleich)

 

Fest steht: Verändern wird sich in diesem Bereich in Zukunft wohl noch einiges – hoffentlich nicht bis hin zu einem Orwell´schen Überwachungsstaat mit einem stets allgegenwärtigen «Big brother is watching you». Die Banken und die Finanzbranche müssen in diesem Prozess vor allem darauf achten, dass sie die Interessen ihrer Kunden im Auge behalten und gegenüber staatlichen Datensammlern vertreten.

Der aktuelle LGT Private Banking Report ist am 21. Mai 2014 erschienen. In den vergangenen Wochen und Monaten habe ich mich in regelmässigen Blogbeiträgen unterschiedlichen Aspekten der Studie gewidmet, wie der Vermögenszusammensetzung, der Bankbeziehungen, der Nachfolgefragen oder der Bedeutung neuer Technologien für Bankkunden.

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