Bargeldobergrenzen: Die stille Realität jenseits der lauten Debatten

Bargeldobergrenzen: Die stille Realität jenseits der lauten Debatten 

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In Europa werden Bargeldgrenzen gezogen. In vielen Ländern ist die Begrenzung von Barzahlungen bereits Realität. In Österreich, Deutschland und weiteren wird sie derzeit heftig diskutiert. Die Diskussion darüber entwickelt sich jedoch bisweilen selbst grenzwertig.

Der Finanz- und Wirtschaftsteil so mancher europäischer Zeitung lässt den Leser derzeit um den Fortbestand des fiskalischen Abendlandes fürchten. In den Schlagzeilen zum Thema «Obergrenzen für Barzahlungen» wird mal per staatlichem Zahlungslimit der Terrorismus bekämpft, mal schafft sie als «Repression» ein Zwangskorsett für unbescholtene Bürger (NZZ) und selbst in Wirtschaftspublikationen ist von «Kriegserklärung» zu lesen (Handelsblatt), wahlweise gegen den Terror oder die bürgerlichen Freiheitsrechte. Es droht ein Glaubenskrieg ums Bargeld, diesmal entzündet an den Überlegungen zu Obergrenzen. Ein Blick auf die Realität unseres Zahlungsverkehrs könnte da eine friedensstiftende Massnahme sein:

Bargeldzahlungen stossen nicht in erster Linie durch staatliche Eingriffe an Grenzen, sondern durch die Praxis. Händler wie Verbraucher schaffen Barzahlungen Schritt für Schritt ab, indem sie für immer mehr alltägliche Geschäfte die praktischen Karten, Apps oder Überweisungen nutzen. Seit Jahren schreitet diese freiwillige Digitalisierung des Zahlungsverkehrs europaweit weiter voran. Vor allem in skandinavischen Ländern und den Niederlanden ist Bares heute schon nicht mehr wahres, sondern vor allem rares Zahlungsmittel. Selbst das Feierabendbier in der Stammkneipe wird im hohen Norden gerne mit Plastikkarte beglichen, Bargeld wegen des vergleichsweise immensen Aufwands teilweise gar nicht mehr angenommen. In grossem Stil wird Bargeld derzeit vor allem noch im Handel verwendet, allerdings sind auch hier Barzahlungen in deutlich vierstelliger Höhe die seltene Ausnahme geworden. Hierfür ist allerdings kein staatliches Reglement verantwortlich, sondern bereits bestehende «stille» Bargeldobergrenzen. Zahlungen über 5 000 Euro überschreiten beispielsweise das Limit von Geldautomaten und vieler Handelsangestellter oder Bankangestellter. Lediglich für seltene Ausnahmen, vornehmlich im Luxussegment, würde die staatliche Obergrenze zwangsweise Nachvollziehbarkeit schaffen, die je nach Perspektive als Kontroll- oder Transparenzmöglichkeit ausgelegt werden kann. Technisch ist beides korrekt, aber die Nutzung und Weitergabe von Daten ist in jedem Rechtsstaat durch den Datenschutz limitiert, auch was den staatlichen Zugriff auf Kundeninformationen und Zahlungen betrifft.

Trotzdem sprechen sich grosse Mehrheiten der Bevölkerung gerade in Österreich und Deutschland für Schein und Münze ohne staatliche Beschränkungen aus. Das Recht auf hohe Bargeldzahlungen scheint also bei den Bürgern hoch im Kurs zu stehen, auch wenn sie es kaum mehr nutzen. Jenseits der donnernden Rhetorik beider Lager stellt sich die praktische Frage, ob der Staat eine Entwicklung erzwingen sollte, die die Bürger von sich heraus vorantreiben.

Es gibt 3 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 10. Februar 2016 | Die Börsenblogger
  2. Pingback: Bargeldobergrenzen: Die stille Realität hinter der lauten Debatte « Digitale Klarheit
  3. Michael Stamm at 21:37

    I can put Bargeld under my mattress and not loose any value. If I put it in the Bank, negative
    interest rate will cost me a lot! Bargeld is necessary.

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