Befund und Befinden

Befund und Befinden 

Der Befund und das Befinden können sehr verschieden sein, und sie stimmen selten völlig miteinander überein. Dies ist nicht nur unsere medizinische Alltagserfahrung; die Feststellung gilt gleichermassen für den Gesundheitszustand der Wirtschaft im Allgemeinen und jenen der Finanzmärkte im Besonderen. Wie steht es diesbezüglich in der gegenwärtigen Corona-Krise?

Autor: Dr. Alex Durrer, Chief Economist LGT Capital Partners

Ähnlich wie Menschen sich physisch überschätzen oder zum Hypochonder neigen können, ist auch die Stimmung an den Börsen manchmal überschwänglich von den fundamentalen Realitäten abgehoben und nicht weniger häufig deutlich schlechter, als es die Wirtschaftslage rechtfertigt. Divergenzen zwischen ökonomischen Befunden und dem Marktbefinden stellen also eher die Norm als einen Ausnahmezustand dar. Weil erstere nie exakt bzw. erst verzögert bekannt sind oder auch externe, nichtökonomische Faktoren im Spiel sind. Dennoch: Aktuell ist angesichts der vom hochansteckenden Coronavirus rund um den Globus akut infizierten Risikoanlagen die Frage nach den (direkten und indirekten) realwirtschaftlichen Auswirkungen von zentraler Bedeutung, im Wissen darum, dass jeder Wendepunkt an den Börsen über kurz oder lang vom fundamentalen Wirtschaftsgang bestätigt werden muss und umgekehrt.

Halten wir zunächst fest: Die wichtigsten Aktienindizes haben innert dreier Wochen – in der schnellsten Korrektur der Börsengeschichte, schneller noch als in den 1930er Jahren – rund ein Drittel ihres Wertes verloren. Folglich lässt sich sagen, dass die jüngsten Verwerfungen dem nicht allzu kurzfristig orientierten Investor gute Kaufgelegenheiten geschaffen haben, sofern die Corona-Pandemie zwar für die nächsten zwei bis drei Quartale eine einschneidend tiefe Rezession, danach aber keine jahrelange Depression provoziert. Denn chronisch können Märkte und Fundamentaldaten nicht auseinanderdriften – à la longue bewegen sie sich im Gleichschritt. Und obschon an ersterem nach heutigem Ermessen kaum mehr Zweifel besteht, ist letzteres glücklicherweise immer noch als unwahrscheinliches Extremszenario einzustufen.

Relativierung des Marktbefindens in der Corona-Krise

Blenden wir nochmals zurück: Überdurchschnittlich lange elf Jahre hat der Hausse-Trend an den globalen Aktienmärkten angehalten, von technischen Korrekturen kaum oder jeweils nur kurz unterbrochen. Phantastisch war die zuvor grassierende Untergangsstimmung sukzessive in eine Rekordlaune mutiert, die temporäre Höhenangst stets zügig überwunden hat. Nicht ohne Grund: Fast ebenso lange hatte die Weltwirtschaft – erstmals in der Nachkriegszeit! – keine ausgewachsene Rezession mehr erlitten, sondern höchstens alle paar Jahre eine harmlose Verlangsamung erlebt. Allein schon angesichts des fortgeschrittenen Alters dieser positiven Entwicklungen musste mit Ermüdungserscheinungen und zunehmenden Altersbeschwerden gerechnet werden. Doch welch katastrophale Wirtschaftssyndrome stecken nun hinter den jüngst konstatierten Marktsymptomen?

Grundsätzlich sollte man – ohne wirklich triftige Verdachtsmomente – nicht a priori an das Schlimmste denken. Damit soll die gegenwärtige, Angst einflössende Lage keineswegs schöngeredet, im grösseren Kontext aber unter Zuhilfenahme von etwas simpler Finanzmathematik relativiert werden. Denn, erstens, reflektieren Aktienpreise die Erwartungen an den Erfolg oder Misserfolg von Unternehmen auf einen sehr langen Horizont hinaus – notabene je tiefer das Zinsniveau fällt, desto weiter in die Zukunft. Selbst wenn nun die Umsätze und Gewinne einige Monate oder Quartale komplett wegbrechen und sich anschliessend wieder erholen – und davon darf mit recht hoher Wahrscheinlichkeit immer noch ausgegangen werden –, sollte der Wert von Aktien nicht derart nachhaltig negativ tangiert werden, wie es die jüngsten Kursverluste suggerieren. Allerdings schlagen bei den gegenwärtig extrem tiefen Zinsen nahe null auch Erwartungsfehler sowie deren Korrekturen (nach oben wie nach unten!) viel gravierender durch, woraus die wilden Kursschwankungen als Spiegelbild von erhöhter Unsicherheit und Orientierungsschwierigkeiten nachvollziehbar werden. Zweitens haben angesichts des zu erwartenden Konjunktureinbruchs rund um den Globus viele fiskalpolitische Akteure neue Stimuli in einem noch nie gesehenen Ausmass angekündigt, während ebenfalls sämtliche Währungshüter, drittens, in den letzten Wochen aus allen Rohren feuern, um die angeschlagene Wirtschaft zu stützen und das Finanzsystem zu stabilisieren.

Befund für Corona-Krise stimmt positiver

Als unseres Erachtens plausibles Hauptszenario ist ergo mit einer zwar heftig tiefen, zeitlich jedoch auf wenige Quartale begrenzten Rezession zu rechnen, auf welche – vielleicht sogar noch in den letzten Monaten des laufenden Jahres – eine ähnlich kräftige, allerdings nicht mehr ganz inflationsfreie Erholung folgen sollte. Ähnlichkeiten zur siebenmonatigen Rezession in 1918 als Folge der Spanischen Grippe wären nicht ganz zufällig…

Restrisiken sind freilich nie ganz auszuschliessen: Dazu gehört das Worst-Case-Szenario einer globalen Pandemie mit mehreren Folgekrankheitswellen und jeweils Millionen von Opfern – sowie einer Vielzahl irreversibel zusammengebrochener ökonomischer Strukturen. Oder aber, im Gegenteil, dass die langfristigen Zinsen unerwartet steigen, was paradoxerweise dann wahrscheinlicher würde, wenn sich am Ende eine überstimulierte und doch resistentere Weltwirtschaft besser hält und schneller zu erholen beginnt, als wir heute annehmen. Eine «Garantiefrist» für die Diagnose-Gültigkeit gibt es also auch nach einer gründlichen Generaluntersuchung in der Finanzszene genauso wenig wie in der Medizin. Intensives Beobachten und bei Bedarf schnelles Handeln bleibt daher ein präventiver Imperativ, solange unser «wirtschaftsklinisches» Resümee so divergent lautet:

Marktbefinden: Arg angeschlagen, alles andere als gesund. –
Weniger negativ stimmt uns der ökonomische Befund!

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