Unser Anlagewortschatz – nicht wirklich scharf

Unser Anlagewortschatz – nicht wirklich scharf 

Im Anlagegeschäft werden oft Begriffe verwendet, die nur den Schein haben, scharfe und präzise Konturen zu haben. Einer tieferen Betrachtung unterzogen, sind diese Begriffe unscharf oder – anders gesagt – sie suggerieren ein Bild, das nicht immer mit der Realität deckungsgleich ist.

„Bottom-up“ oder „Top down“?

Diese Begriffe bezeichnen Anlage-Ansätze, welche sich im Fall von Aktienstrategien am besten illustrieren lassen. Bei der Auswahl von Aktien nach einem „Bottom-up“-Ansatz nimmt man die einzelnen Unternehmungen unter die Lupe, man analysiert ihre Erträge- und Kosten-Strukturen, ihre Marktstrategie, usw. Der Analyst versucht damit zu eruieren, wie erfolgreich das Unternehmen in der Zukunft sein wird, indem er die Stärken/Schwächen und Positionierung im Markt des Unternehmens bewertet, ohne – so sein Credo –gross auf makroökonomische Zusammenhänge zurückgreifen zu müssen. Der „Top down“-Ansatz hingegen beruht auf der Einschätzung von makroökonomischen Zusammenhängen, Analysen und Trends. Die daraus resultierende Aktien-Auswahl wird eher von dieser ‘Vogelperspektive’ als von unternehmensspezifischen Kennzahlen geprägt.

Oft werden diese zwei Begriffe in einem Zusammenhang „entweder/oder“ verwendet und man steht unter dem Eindruck, dass ein Ansatz den anderen ausschliesst: der „Bottom-up“-Analyst kümmert sich anscheinend nicht gross um das makroökonomische Bild und bekennt sich als „Agnostiker“ im Zusammenhang mit den makroökonomischen Faktoren und Trends, das heisst, er kann mit einem „Top down“-Ansatz nichts anfangen. Allerdings muss man sich fragen, ob die Trennung wirklich so scharf ist: Gibt es nicht auch makroökonomische Betrachtungen in den Analysen von einem „Bottom-up“-Analyst?

Wenn er die Marktstrategie eines Unternehmens oder sein Jahresergebnis analysiert, zieht er sehr wahrscheinlich „Makro“-Brillen an, um die Strategie und Ergebnisse im Markt-Kontext zu bewerten. In diesem Sinne spielen doch unbewusst oder „versteckt“ „Top-Down“-Betrachtungen mit ein, nur glaubt der Analyst, sie ausblenden zu können. Makro-Ansichten, obwohl nicht explizit als „Top-Down Views“ artikuliert, fliessen also in „Bottom-up“-Analysen ein. Das ist aber auch zu erwarten, da Unternehmen nicht im Vakuum agieren, sondern in die gesamte Marktdynamik eingebettet sind, wo makroökonomische Faktoren eine Rolle spielen. Die Trennung, welche oft dieses duale Duo („bottom-up“, „top down“) suggeriert, ist also weniger scharf als man denkt.

„Komplementär“ – wirklich?

Um den Diversifikationsgrad eines Portfolios zu erhöhen, kann man in verschiedene Anlageklassen investieren. Aber auch innerhalb derselben Anlageklasse werden oft verschiedene Strategien parallel umgesetzt. In diesem zweiten Fall können sich die Ansätze dieser Strategien entlang verschiedener Dimensionen unterscheiden: geographischer Fokus (Europa, Asien, USA, usw), Anlageuniversum (Sektoren, Instrumente, usw), Anlagestil (konzentriert vs. breit diversifiziert, höhere oder tiefer Handelsfrequenz, private vs. public, active vs. passive, „top down“ vs. „bottom-up“ usw). Solche parallelen Mandate werden als „komplementär“ angesehen. Das Wort „komplementär“ ist positiv konnotiert. Das heisst, es scheint eine gute Sache zu sein, parallele Mandate umzusetzen, weil sie sich anscheinend ergänzen. Aber parallele Mandate sind nicht per se – nur, weil sie „nebeneinander“ im Portfolio angereiht sind – immer „komplementär“, sondern beinhalten Widersprüche oder sind redundant.

Widersprüche können zum Beispiel auf dem Niveau der Exposures oder des Risiko-Profils entstehen. Eine Strategie in einem Mandat kann zum Beispiel ein Übergewicht in einem Aktiensektor haben, während im parallelen Mandat die andere Strategie ein Untergewicht ausweist, welches das Exposure-Profil neutralisiert. Oder die Risiko-Einstellungen der Strategien sind gegensätzlich. Ein paralleles Mandat könnte auch redundant sein, wenn man nicht realisiert, dass die erwartete Rendite und Volatilität von zwei Mandaten praktisch identisch sind. Eine tiefere Analyse zeigt also, dass „parallel“ nicht unbedingt „komplementär“ bedeutet, weshalb auch dieser Begriff an Schärfe verliert.

Das sind nur zwei Beispiele von Begriffen, welche die Investoren durch ihre anscheinend klare Bedeutung in die Irre führen können. Je mehr man sich ihrer Unschärfe bewusst ist, desto aufmerksamer wird man in ihrer Anwendung.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.