Behavioral Finance: Wie die Lemminge…

Behavioral Finance: Wie die Lemminge… 

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Viele Investoren handeln nicht rational und rennen gerne der Herde nach. Statt mit ansprechenden Gewinnen stehen sie dann oft mit grossen Verlusten da. Die Lehre von der Verhaltensökonomie untersucht das Anlegerverhalten, um die Entwicklung der Märkte besser vorhersagen zu können.

Jede Krise birgt den nächsten Aufschwung: Professionelle Fundsmanager wittern manchmal schon kurz nach einem Börsencrash die Chance, erlittene Verluste wenigstens teilweise wettzumachen. Beim durchschnittlichen Anleger stellt sich das Vertrauen später ein, wenn die Kurse bereits wieder am Steigen sind. Die vorletzten Skeptiker werden meist erst nach einer längeren Schönwetterperiode im Aktienmarkt aktiv und treiben damit die Kurse noch weiter nach oben. Schliesslich ist auch für den letzten Skeptiker die Zeit reif, in Aktien zu investieren. Spätestens jetzt ist das Ende der Rally absehbar. Über Kurz oder Lang wird ein vielleicht unbedeutendes Ereignis einen neuen Crash auslösen. Viele Anleger werden wieder wie die Lemminge über die Klippe springen – und der Kreislauf kann wieder von vorne beginnen. Warum handeln Menschen immer wieder gleich unvernünftig, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten?

Antworten auf diese Frage liefert die lange als «soft» belächelte Disziplin der Verhaltensökonomie, besser bekannt als Behavioral Finance. Dass unter den diesjährigen Trägern des Wirtschaftsnobelpreises mit Robert Shiller auch ein Vertreter dieser Forschungsdisziplin demonstriert ihre Bedeutung. Dabei ist die Erkenntnis, dass Menschen selten rational handeln, keineswegs neu. Während für Adam Smith die Verbindung von Wirtschaftstheorie und Psychologie noch selbstverständlich war, entwickelte die klassische Ökonomie das Konzept des Homo oeconomicus, des rational entscheidenden Menschen. Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts setzte ein Umdenken ein. In den 70er-Jahren zeigten die Psychologen Daniel Kahnemann und Amos Tversky in zahlreichen verhaltenswissenschaftlichen Experimenten, dass menschliches Verhalten nicht immer auf rationalem Denken basiert. Ihre Prospect Theory ermöglicht eine Beschreibung der Entscheidungsfindung in Situationen der Unsicherheit und stellt damit eine psychologisch realistischere Alternative zur Theorie der rationalen Nutzenmaximierung zur Verfügung. Kahnemann erhielt dafür 2002 als erster Psychologe den Wirtschaftsnobelpreis (Tversky war zu diesem Zeitpunkt bereits verschieden).

Kahnemann und Tversky zeigten mit ihrer Prospect Theory, dass Investoren ein Verlust mindestens doppelt so arg schmerzt, wie ein Gewinn in identischer Höhe an positiven Emotionen auslöst. Dies steht den Aussagen der Portfoliotheorie diametral entgegen, nach der Investoren Gewinn und Verlust gleich werten. Nachgewiesen haben die beiden Professoren auch die selektive Informationsaufnahme und -verarbeitung der Investoren. Diese machen sich kein objektives Bild der Verhältnisse, sondern interpretieren die Informationen so, dass sie ihre Überzeugungen oder Handlungen bestätigen. Zudem meinen sie, dass andere Investoren bessere Informationen als sie selbst hätten und folgen vermeintlich erfolgreicheren Anlegern – oft bis über den Abgrund. So bestätigen sie nicht nur, dass die Märkte doch nicht so effizient sind, wie manche Ökonomen noch immer meinen. Sie verstärken dadurch auch die Preisschwankungen – diese so genannten Ansteckungseffekte gelten als eine Ursache für Finanzmarktkrisen. Die Erkenntnisse aus der Behavioral Finance sollen dabei mithelfen, dass in solchen Fällen nicht zu viele Investoren-Lemminge über die Klippe springen.

Leselinks:
Ein Interview mit Robert Shiller in der New York Times.
Robert Shillers Marktkommentare im Guardian.

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 5. November 2013 | Die Börsenblogger

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