Sinkende Biodiversität birgt finanzielle Risiken für Unternehmen

Sinkende Biodiversität birgt finanzielle Risiken für Unternehmen 

Mit der rasanten Abnahme der Biodiversität nehmen die Risiken für Gesellschaft und Unternehmen zu. Die Dienstleistungen der Natur werden immer mehr eingeschränkt, was zu systemischen geopolitischen Risiken führt, die das Umfeld für Unternehmen destabilisieren. Zwei Taskforces nehmen sich der Thematik an.

Der Mensch ist bis heute für den Verlust von 83% aller wilden Säugetiere und der Hälfte aller Pflanzen verantwortlich. Die Biodiversität nimmt mit beispielloser Geschwindigkeit ab, ungefähr eine Million Arten sind aufgrund menschlicher Aktivitäten vom Aussterben bedroht. Das ist zehn- bis hundertmal höher als der Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre – und die Aussterberate beschleunigt sich weiter. Auch Erdwissenschaftler warnen davor, dass der Amazonas-Regenwald, die Korallenriffe der Welt und die borealen Waldbiome sich rasch der Schwelle zu irreversiblen Kipppunkten nähern. Sind diese Punkte erreicht, kann es zu drastischen Klimaänderungen kommen, die weitreichende Auswirkungen auf die Wirtschaft, die Gesellschaft und das Leben, wie wir es kennen, haben.

Gefährdung des globalen BIP

Der Bericht des World Economic Forum „The Future of Nature and Business“ hebt hervor, dass Unternehmen entweder direkt oder indirekt über ihre Lieferketten von der Natur und ihren Dienstleistungen abhängen. Der Verlust an Biodiversität und generell der Natur gefährdet mehr als die Hälfte des globalen BIP, also rund USD 44 Billionen an wirtschaftlicher Wertschöpfung. Der Verlust der biologischen Vielfalt und der Zusammenbruch des Ökosystems werden denn auch als eine der grössten Bedrohungen – neben dem Klimawandel – eingestuft, denen die Menschheit in den nächsten zehn Jahren ausgesetzt sein wird.

Auch die Zwischenstaatliche Wissenschafts- und Politikplattform für biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen (IPBES) kommt in ihrem jüngsten Bericht – der bisher umfassendsten globalen Bewertung der biologischen Vielfalt – zum Schluss, dass die heutigen Produktions- und Konsummuster, die Bevölkerungsdynamik, der Handel, aber auch technologische Innovationen für mehr als 90% des Naturverlustes in den letzten 50 Jahren verantwortlich sind.

Eine Änderung ist nicht in Sicht: Die Weltbevölkerung wächst weiter und wir leben in einer globalen Konsumgesellschaft, die über eine grosse Kaufkraft verfügt. Dies erfordert weiteres Wachstum des Wirtschaftssystems, sollten die derzeitigen Produktions- und Konsummuster beibehalten werden. Jedoch stellt dieses System bereits heute eine enorme Belastung für den Planeten dar. Rund 72% aller bedrohten und nahezu bedrohten Tierarten sind nur in Gefahr wegen den Auswirkungen des wachsenden Wirtschaftssystems. Die sinkende Biodiversität und das sich verändernde Klima haben schon jetzt negative Auswirkungen auf Ernährungssicherheit, Ernährung und Gesundheit.

Unsere Abhängigkeit von Naturdienstleistungen

Viele schnell wachsenden Volkswirtschaften sind in hohem Masse in Sektoren tätig, die stark von der Natur und ihren Dienstleistungen abhängig sind, so bspw. Indien mit 33% des BIP oder Indonesien mit 32% des BIP. Aber auch die EU (13% des BIP) oder die USA (10% des BIP) müssen ein Interesse haben, die Natur stärker zu schützen und den Verlust der Biodiversität zu vermeiden.

Neben ihrem Beitrag zu wirtschaftlichen Aktivitäten stellen Dienstleistungen der Natur, bspw. saubere Luft, frisches Wasser, fruchtbare Böden und ein stabiles Klima lebenswichtige Güter dar, auf die die Gesellschaft angewiesen ist. Folglich kann der Verlust der Natur zu systemischen geopolitischen Risiken beitragen und auch das Umfeld, in dem Unternehmen tätig sind, destabilisieren.

Eine Verschlechterung und der Verlust natürlicher Systeme kann sich auch negativ auf die Gesundheit auswirken. Beispielsweise wurde der Ausbruch von Infektionskrankheiten mit Störungen des Ökosystems in Verbindung gebracht. So konnte eine enge Verbindung zwischen der Entwaldung und den Ausbrüchen von durch Tiere übertragenen Krankheiten wie Ebola und dem Zika-Virus nachgewiesen werden. Pandemien, wie wir sie von COVID-19 kennen, könnten in Zukunft viel häufiger auftreten, denn Tier und Mensch leben immer enger zusammen und haben Kontakte, die es früher nicht gab.

Die Berücksichtigung von naturbasierten Risiken im Risikomanagement

Seit Lancierung der nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) im Jahre 2015 arbeitet die globale Gemeinschaft auf den Übergang zu einer naturfreundlichen Wirtschaft hin. Dies erfordert dringend eine Neuordnung der finanziellen Wesentlichkeit von Naturrisiken für Unternehmen, Finanzinstitutionen, Aufsichtsbehörden und Regierungen. Es ist wichtig, dass diese Risiken in Zukunft von den Unternehmen regelmässig identifiziert, bewertet und offengelegt werden – so wie es bei Klimarisiken bereits der Fall ist. Dies wird dazu beitragen, Fehleinschätzungen von Risiken und falsche Kapitalpuffer wie auch kurz- und langfristige Risikoereignisse zu vermeiden.

Naturbedingte Risiken können in bestehende Risikomanagementsysteme, Nachhaltigkeitsprozesse, Investitionsentscheidungen sowie in die finanzielle und nichtfinanzielle Berichterstattung einbezogen werden.

Zwei Taskforces decken auf

Vor fünf Jahren hat das Financial Stability Board klimarelevante Risiken neu als finanzielle Risiken klassifiziert und mit der Taskforce on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) ein Rahmenwerk geschaffen um klimarelevante finanzielle Risiken aufdecken und bewerten zu können. Heute ist TCFD ein globaler Standard. Naturbedingte Risiken können in dieselben Risikokategorien unterteilt und bewertet werden wie Klimarisiken. Die Verwendung eines ähnlichen Rahmens für alle Umweltrisikokategorien sollte damit auch eine effizientere und effektivere Integration in die Entscheidungsfindung von Unternehmen ermöglichen.

Im Januar 2019 am World Economic Forum in Davos haben sich Finanzinstitute (Banken und Versicherungen), die Weltbank, der WWF, Global Canopy sowie UNDP und UNEP FI zusammengeschlossen um die Taskforce for Nature-Related Financial Disclosures (TNFD) aufzubauen. Diese sollte bis im Frühjahr 2021 erstellt sein, um sie im 2022 zu testen, bevor sie offiziell lanciert werden soll.

Rahmenwerk soll erstellt werden

Die TNFD soll ein Rahmenwerk zur Berichterstattung von naturbasierten finanziellen Risiken werden, um aufzuzeigen, wie der Finanzsektor von der Natur abhängt und diese beeinflusst. Das TNFD soll das Bewusstsein zur Verringerung der negativen Auswirkungen des Finanzsektors auf die Natur und die biologische Vielfalt stärken. Weiter soll das Verständnis für die Abhängigkeiten und Auswirkungen der verschiedenen Wirtschaftssektoren auf die Ökosystemleistungen der Natur verbessert werden. Und das TNFD soll innerhalb des Finanzsektors die Anerkennung neuer naturfreundlicher Investitions- und Kreditmöglichkeiten verbessern.

Wird der Rehabilitierung der Natur und dem Schutz des Klimas und der Biodiversität nicht die hohe Aufmerksamkeit geschenkt, die sie benötigen, so wird der Mensch mit den negativen Auswirkungen leben müssen. Was dies für die Menschheit bedeutet, mag man sich nicht überlegen.

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