Biokapazität: Das Handelsbilanzdefizit der Industrienationen 

Die Biokapazität hat Hochkonjunktur. Das Ausmass der Rohstoffnutzung war noch nie so gross wie heute, doch wir laufen Gefahr an Produktivitätskraft zu verlieren. Immer häufiger stellt sich daher die Frage, wie die natürliche Wertschöpfungsfähigkeit im «Raumschiff Erde» erhalten werden kann.

Allgemein wird die Fähigkeit der Natur, Rohstoffe – wie z.B. Holz oder Pflanzenöle – zu erzeugen und Schadstoffe abzubauen unter dem Schlagwort Biokapazität zusammengefasst. Schon heute müssen viele Industrienationen ihren Bedarf an Produktionsfaktoren aus Ackerbau, Waldwirtschaft und Weidenutzung durch Importe decken, da die inländisch vorhandene Biokapazität nicht genug Erträge bringt. In diesem Zwang zur Einfuhr von Basisrohstoffen ist der Grund zu suchen, warum wir in den «Old Economies» gar keine andere Wahl haben als weltoffen, liberal und ökonomisch rational zu handeln. Das Biokapazitätsdefizit ist ein hintergründiger Treiber der Globalisierung.

Ein Beispiel: Der Biokapazitätshaushalt der Schweiz

Die Analyse des Biokapazitätshaushalts am Beispiel Schweiz  zeigt, dass in etwa das Vierfache an Naturkapital beansprucht wird als im Inland vorhanden ist. Die Produktions- und Regenerationskraft der Natur stellt damit ein knappes nichtfinanzielles Vermögen dar, auf dessen Dividenden wir in Form von Agrar- und Energierohstoffen angewiesen sind, um produktiv wirtschaften zu können.

Das Ende ökonomischer Rationalität

Interessant ist zu sehen, wie die enorme Wucherung beim Rohstoffverbrauch in hochentwickelten Industrieländern noch immer als allgemein wohlfahrtsstiftend aufgefasst wird – Offenbar verlieren Märkte im Sättigungszustand ihren Sinn für die ökonomische Rationalität und gehen einem isolierenden, sich selbst verzehrenden Liberalismus auf den Leim – Die Realitäten sind indessen klar: Die blosse Fortsetzung der Umsatzsteigerung beim Rohstoffeinsatz greift zu kurz. Der Wiederbeschaffungswert ausgezehrter natürlicher Anlagegüter ist zu hoch – Solche ökologischen Schulden kosten reales ökonomisches Wachstum.

Die Verschiebung der gewohnten Ungleichgewichte

Die OECD geht davon aus, dass die Weltbevölkerungszahl bis 2050 von derzeit rund 7 Milliarden auf voraussichtlich über 9 Milliarden Köpfe anwächst. Die Crux bei der Sache ist, dass immer mehr Menschen um eine relativ konstante Menge an Biokapazität konkurrieren. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Regionen mit freien Rohstoffkapazitäten und funktionsfähigem natürlichem Kapitalstock, im Szenario der zunehmenden Rohstoffkonkurrenz stark an Einflusskraft gewinnen. Anzunehmen ist auch, dass sich die territorialen Verhaltensmuster und Ansprüche einzelner Marktteilnehmer im Kampf um die Nutzung der ökologischen Reserve verschieben werden, bis hin zu kriegerischen Konflikten.

Den Wandel meistern

Am Vorabend des ressourcengetriebenen globalen Wandels geistern viele Ideen, wenig Fakten und zahlreiche Fiktionen herum. Dazu zwei Thesen:
Erstens ist deutlich, dass das Vorsichtsprinzip immer und überall kritische Bedeutung für die Vermeidung von irreversiblen ökologische Defiziten hat: Es besagt im Grundsatz, dass vor der Nutzung einer Rohstoffquelle der Beweis erbracht sein muss, dass die Quelle keinen unumkehrbaren Schaden erleidet.

Zweitens ist ein Ausweg aus dem Zwiespalt des gleichzeitigen Gegenwart- und Zukunftsbezugs beim Ressourcenkonsum schon aufgezeigt: Die österreichischen Schule der Nationalökonomie vertritt die Ansicht, dass aus dem freien Zugang zu Wissen und unterschiedlichen Vorlieben beim Konsumentscheid immer wieder neue Verhaltensmuster entstehen, die zum Taktgeber der schöpferisch-zerstörenden Dynamik einer jeden Kultur werden – Offenheit, gesellschaftliche Freiheit und Einfallsreichtum haben bleibende Bedeutung, um den Wandel zu meistern.

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