Bitcoins: Mehr als eine virtuelle Währung? 

Wir beginnen diesen Blogbeitrag mit einem für eine Bank nicht ganz alltäglichen Gedankenexperiment: Stellen Sie sich das Gegenteil der Geldwirtschaft vor, wie wir sie kennen: Keine Münzen oder Scheine, keine Zentralbank, keine Bankaufsicht, kein «Bares als Wahres» mit dem Konterfei von Staatsgründern und Nationalhelden. Sie gelangen gedanklich entweder in die Zeiten von Tausch- und Naturalwirtschaft vor der Einführung des Geldes – oder zur virtuellen Währung Bitcoin.

«Virtuelles Geld» klingt zunächst befremdlich. Viele Zeitgenossen werden dahinter eine Mischung aus Falschgeld und Luftbuchung vermuten. Bitcoins sind jedoch funktionierende Währungseinheiten, bei denen reale Mechanismen der Währungsschöpfung ins Internet übertragen wurden. Bitcoins werden nicht auf Banknoten oder Münzen geprägt, sondern als Software-Codes übermittelt. An die Stelle des Wasserzeichens auf den Geldscheinen tritt die digitale Verschlüsselung. Mit Bitcoins können Unternehmen und Privatpersonen kostenlos und innerhalb von Sekunden weltweit Zahlungen tätigen. Bitcoins sind nicht nur eine Währung im Internet, sondern eine, die wie das Internet selbst funktioniert. Darin liegt die Faszination für die beständig wachsende Gemeinde der Bitcoin-Nutzer.

Auch der erste Schritt in die virtuelle Geldwelt ist so einfach wie das erste Log-In auf Facebook: Hierfür muss jeder Nutzer ein mehrfach verschlüsseltes Konto auf seinem Computer einrichten, die sogenannte «Wallet» (engl. «Brieftasche»). Die Wallet funktioniert ähnlich einer geschützten Mailadresse, mit der Bitcoins verschlüsselt bezogen oder überwiesen werden können. Bitcoins werden auf virtuellen Börsen gegen bestehende Währungen gewechselt, oder erworben, indem man Zahlungen in Bitcoins akzeptiert. Weil die virtuelle Währung ein Stück weit von der «realen» Finanzwelt abgekoppelt ist, unterliegt sie keinem direkten Einfluss durch Staaten oder Zentralbanken. Genau diese Entkoppelung schwebte den Vordenkern des virtuellen Geldes vor. Unter dem fiktiven Namen Satoshi Nakamoto skizzierten Kryptografie-Experten 2008 eine virtuelle Währung, die nicht zentral überwacht, sondern dezentral von vielen teilnehmenden Nutzern und einer ausgefeilten Technologie gesteuert werden sollte. Sie verwendeten dafür erstmals den Begriff «Bitcoins». Ähnlich der freien Enzyklopädie Wikipedia sollten die Nutzer diese Währung im Internet gemeinsam verwalten, weiterentwickeln und Zwischenschritte oder vermittelnde Institutionen überflüssig machen. In den Bitcoins sehen manche Visionäre und Enthusiasten deshalb so etwas wie die Währung der Internet-Ära, obwohl oder gerade weil Bitcoins viele Eigenschaften des «analogen» Geldes nicht mehr haben.

«Was lange währt, wird endlich gut» – Auch virtuelle Währungen müssen sich über eine längere Zeit beweisen und bewähren, um eine breite Vertrauensbasis aufzubauen. Ausgerechnet der ausserordentliche Anfangserfolg könnte den Bitcoins auf dem Weg zu einem allgemein verwendeten virtuellen Zahlungsmittel zum Problem werden. Bitcoins können nicht beliebig vermehrt werden, sondern sind limitiert. Ähnlich wie beim Gold steigt also der Wert, wenn viele Menschen Bitcoins erwerben. Eine Inflation ist durch die Beschränkung nahezu ausgeschlossen, aber gerade die beschränkte Verfügbarkeit prädestiniert Bitcoins zu Spekulationsobjekten. Selbst eine Bitcoin-Blase scheint nicht ausgeschlossen. Einen Vorgeschmack auf solche Turbulenzen konnte die Bitcom-Gemeinde im April dieses Jahres erleben, als der Bitcoin-Kurs im Verhältnis zum Dollar von rund 266 Dollar auf unter 80 Dollar abstürzte.

Wie sicher, wie real verwendbar ist nun diese virtuelle Alternativwährung? Die klarste Aussage zu dieser Frage findet sich sympathischer Weise auf den Seiten der Bitcoin-Foundation selbst: «Bitcoin ist eine experimentelle neue Währung, und wird aktiv weiterentwickelt. Auch wenn es mit steigender Nutzung immer weniger experimentell wird, sollten Sie bedenken, dass Bitcoin eine neue Erfindung ist, die Ideen verfolgt, die vorher nie ausprobiert wurden. Daher kann die Zukunft von niemandem vorhergesagt werden».

Linktipps für Interessierte:
http://bitcoin.org
Bitte kein Bitcoin, Manfred Kröller auf dem Momentum-Blog von Finanz und Wirtschaft.
Lunchtalk der Wirtschaftswoche zum Thema Bitcoins, mit Egghat vom Blog Die Wunderbare Welt der Wirtschaft.
Bitcoin kommt gerade erst in der Realität an, von Dirk Elsner auf dem Blicklog.
Warum wir über ganz neue Währungen nachdenken müssen, von Matthias Kröner.

Es gibt 3 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Am Anfang war der Tausch, oder: Die Erfindung des Geldes « LGT Finanzblog
  2. Florian Semle at 15:07

    Danke dafür. Den letzten Satz unterschreibe ich absolut. Allerdings bleibt die Frage, ob Bitcoins dieses Zahlungsmittel schon sind, oder eben ein Experiment, das andere Innovationen voran treibt.

    LG

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