BNG: Die Summe des Glücks

BNG: Die Summe des Glücks 

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Die einen messen das Bruttoinlandprodukt, die anderen das Bruttonationalglück (BNG). Wahrscheinlich ist beides unvollständig.

Geht es uns gut? Wie schlägt sich unser Land im internationalen Vergleich? Ökonomische Kennzahlen wie das Bruttoinlandprodukt (BIP) als Indikator für den Wohlstand können hier Auskunft geben. Das BIP ist eine praktische Grösse, weil es komplexe Sachverhalte in einer einfachen Zahl ausdrückt. Nur: Kann man das Wohlergehen wirklich in einer einzigen Zahl ausdrücken? Geht es beispielsweise einem Menschen in Katar (BIP pro Kopf: 98 814 US-Dollar) wirklich doppelt so gut wie einem Schweizer (BIP pro Kopf: 46 430 US-Dollar)?

Jigme Singye Wangchuck, der ehemalige König von Bhutan, hat eine nicht-monetäre Kennzahl erfunden. 1979 – damals bildete das Nachbarland Chinas mit einem BIP von nur elf Millionen Dollar das Schlusslicht der BIP-Statistik – entgegnete er auf die Frage eines Journalisten nach dem tiefen BIP seines Königreichs, dass dies keine sinnvolle Grösse sei. Ihn interessiere einzig das Bruttonationalglück (BNG). Nach der vermutlich spontanen Äusserung sollte es aber noch fast 20 Jahre dauern, bis der Begriff in einem Regierungsdokument auftauchte. Heute hat Bhutan eine Staatskommission, die Gross National Happiness Commission, und ist das einzige Land, das die Förderung des Glück der Bevölkerung als politische Leitlinie verfolgt.

Das BNG beruht auf vier Säulen, mit denen das Gleichgewicht zwischen ökonomischen und nicht-ökonomischen Zielen ausbalanciert werden soll:

  • die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung,
  • Bewahrung und Förderung kultureller Werte,
  • Schutz der Umwelt und
  • gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen.

Als erstes Land der Welt möchte Bhutan bis 2020 die gesamte Landwirtschaft auf Bio-Produktion umgestellt haben. Das Land will klimaneutral werden und mindestens 70 Prozent des Staatsgebiets sollen von Wald bedeckt bleiben. Der Staat erhebt sogar, wie viel seine Bevölkerung schläft und arbeitet – idealerweise sollte dies je ungefähr acht Stunden sein.

Erhoben wird das Bruttonationalglück mit einem Fragebogen, der fast 300 Fragen zu neun Bereichen umfasst. Die Resultate von 2010 zeigen nicht nur, dass 10.4 Prozent der Menschen «unhappy», 48,7 «narrowly happy», 32,6 «extensively happy» und 8,3 Prozent «deeply happy» waren, sondern auch wo noch Verbesserungsbedarf besteht.

Bhutan-Reisende schwärmen davon, noch nie so viele glückliche und zufriedene Menschen getroffen zu haben, Kritiker bemängeln, dass die Glücksdebatte nur von einer kleinen Elite geführt werde. Bhutan zählt immer noch zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt, ein Achtel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.

Ein hohes Bruttonationalglück verbessert die Lebensbedingungen wohl genauso wenig wie ein hohes BIP die Menschen glücklicher macht. Jede Zahl für sich sagt – so beliebt sie als Indikator sein mag – herzlich wenig über eine Gesellschaft aus. Das haben auch andere Staaten erkannt: Bolivien und Ecuador haben das indigene Prinzip des Sumak kawsay («gutes Leben») in ihrer Verfassung verankert, und Deutschland sucht seit 2011 neue, ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikatoren. Am Ende wird sich – so ist zu befürchten – wiederum eine neue Zahl durchsetzen. Diese können dann Politik und Medien so plakativ einsetzen wie das BIP. Aber auch künftig wird wohl die Erkenntnis gelten, dass man Glück nicht mit Geld aufwiegen kann.

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