Eine andere Börsenwelt

Eine andere Börsenwelt 

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Im Hochfrequenzhandel wechseln heute Wertpapiere im Mikrosekundentakt ihren Besitzer. Zeitzeuge Jonathan Marriott berichtet, wie geruhsam es im Vergleich hierzu vor lediglich 30 Jahren noch an der Londoner Börse zuging:

Im April 1979 stieg ich in die Finanzbranche ein. In Grossbritannien neigte sich der „Winter der Unzufriedenheit“ gerade dem Ende zu. Über 29 Millionen Arbeitstage waren wegen der Streiks verloren gegangen und Margaret Thatcher schickte sich an, die kommenden Wahlen zu gewinnen. Der Basiszinssatz der Bank of England lag bei 12.5 Prozent, und sollte bald auf 17 Prozent ansteigen. Es waren dunkle Zeiten: Sturmlaternen lagen auf den Strassen, die nach den Stromausfällen während der Streiks der Minenarbeiter liegen gelassen wurden. Die Erinnerung an den Börsencrash von 1974 war noch frisch in den Köpfen der Investoren. Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, kann ich über die Veränderungen nur staunen.

Mein erster Job war als sogenannter „Blue Button“ oder „Läufer“ eines „Stockjobbers“. Stockjobber oder Börsenhändler durften nur auf eigene Rechnung handeln und stellten einen liquiden Handel sicher, indem sie den Stockbrokers, also den Maklern, die im Kundenauftrag handelten, Geld- und Briefkurse stellten. Bis zum Big Bang an der Londoner Börse im Jahr 1986 gab es eine klare Trennung zwischen den zwei Rollen. Verallgemeinernd würde ich sagen, dass die Makler dazu tendierten, auf die Börsenhändler als Erbenzähler herabzuschauen.

Dictum Meum Pactum

Aktien wurden damals physisch in Form von Anteilscheinen mit unterschriebenen Übertragungsurkunden ausgeliefert. Meine zwei ersten Wochen habe ich damit verbracht, diese in der Stadt auszutragen und dabei jede Strasse und Gasse kennenzulernen. Als einer der ersten Akademiker war ich in diesem Job ein bisschen fehl am Platz. Die meisten Händler fingen als Läufer mit 16 Jahren frisch ab der Schule an und arbeiteten sich hoch. Handelsgeschäfte wurden erst am Ende des Tages bestätigt und in Grossrechner eingegeben, welche die Positionen in einzelnen Titeln auf grosse Blätter aus gelöchertem Papier druckten. „Dictum Meum Pactum“, also „Mein Wort ist meine Verpflichtung“, ist das Motto der London Stock Exchange und bedeutete unter diesen Umständen wirklich noch etwas.

All dies geschah zehn Jahre bevor Tim Berners-Lee das World Wide Web erfand. PCs und Mails kannte noch niemand. Es gab zwar Mobiltelefone, die waren aber von der Grösse eines Koffers und somit gar nicht mobil. Unsere Kommunikationskanäle waren Brief und Telefon. Unternehmensanalysen wurden mithilfe von Extelkarten gemacht – das waren Druckbogen mit historischen Unternehmensdaten – und basierten auch auf direkten Treffen mit den Unternehmen. Ein Firmenanalytiker schrieb jeweils seine Erkenntnisse in Form eines Berichts auf, der den Kunden in ausgedruckter Form geschickt wurde. Wenn diese aufgrund des Berichts die Aktie kaufen oder verkaufen wollten, schickten sie ihrem Makler einen Auftrag. Der ganze Prozess konnte mehrere Tage dauern. Die Kursseiten der Financial Times waren für die meisten Leute die Hauptquelle für Kursinformationen. Um einen wirklich aktuellen Kurs zu bekommen, musste man den eigenen Makler anrufen, der wiederum seinen Läufer zur Börse schickte, um einen Händler nach dem Preis zu fragen. Die Händler arbeiteten an Ständen und schrieben die Geld- und Briefkurse auf grosse Tafeln. An einem oder zwei dieser Stände hingen kleine grüne Bildschirme, die die Kurse an den US-Börsen anzeigten. Dazumal fühlte sich das alles ziemlich schnell an, da die Läufer hin und her stürmten, wenn der Markt aktiv war – aber im Vergleich zu den heutigen Echtzeit-Nachrichten und -Kursen war es sehr langsam. Die Digitalisierung hat die Geschwindigkeit der Kommunikation und der Märkte für immer verändert.

In vierzig Jahren haben wir viel erreicht und die Finanzwelt ist ungemein viel schneller geworden; Analysen und Empfehlungen werden heute in Echtzeit erwartet. Das hat die Märkte in mancher Hinsicht effizienter gemacht, aber gleichzeitig auch gefährlicher. Moderne Kommunikationskanäle verstärken die Marktschwankungen noch und übereilte Investitionsentscheide aufgrund von Medienschlagzeilen sind oft fehlerbehaftet. Weil wir rund um die Uhr Zugriff auf Nachrichten haben, gibt es Medien, die nur die nächste aufsehenerregende Schlagzeile suchen und kleine Geschichten unverhältnismässig aufblasen. Dieser konstante Informationsfluss kann langfristig orientierte Anleger durchaus verwirren. Mit dem vielen Lärm an den Märkten ist es manchmal schwierig, den langfristigen Wald vor lauter kurzfristigen Bäumen überhaupt noch zu sehen.

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 14. Mai 2019 | marktEINBLICKE
  2. Pingback: Artikel über Trading und Investments 19.05.2019 | Pipsologie

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