Brexit, Trump, Macron: Sind Aktienmärkte jetzt politik-resistent?

Brexit, Trump, Macron: Sind Aktienmärkte jetzt politik-resistent? 

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Politische Beben scheinen zur neuen globalen Realität zu gehören: Donald Trump galt noch vor wenigen Monaten als chancenloser Kandidat für das US-Präsidentenamt, Grossbritannien noch vor einem Jahr als einigermassen fest in der EU-verankert und Emmanuel Macron als nicht ernstzunehmender Reformer. Dann kam es anders als die Demoskopen voraussagten. Doch die Finanzmärkte zeigten sich angesichts der zunehmenden politischen Unsicherheit erstaunlich stabil. Weshalb?

Aktienmarkt bleibt stabil

Werfen wir zuerst einen Blick auf die globalen Aktienmärkte. Die Erwartungen der Kapitalmärkte an die neue US-Regierung waren zu Beginn des Jahres astronomisch hoch, blieben bisher aber grösstenteils unerfüllt. Immer mehr Stimmen werden laut, die die durch die Trump-Wahl beflügelte Reflation der grössten Volkswirtschaft der Welt in Frage stellen. Trotzdem haben sich die Marktteilnehmer bis dato nicht oder nur sehr selten aus der Ruhe bringen lassen und die globalen Aktienmärkte auf neue Höchststände getrieben. Einzig der sehr emotional geführte Wahlkampf um das französische Präsidentenamt konnte die Kapitalmärkte kurzfristig verunsichern. Doch auch hier trat inzwischen wieder eine Normalisierung ein. Die Aktienmärkte zeigen sich beinahe „politik-resistent“.

Aktien mit hoher Immunität gegenüber politischen Unsicherheiten

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Aktien an sich. Globale Aktien haben auch im achten Jahr des Bullen-Marktes eine gute Performance erzielt. Europäische Unternehmen zeigten eine starke Entwicklung: Sie profitierten von einer attraktiven Bewertung und wiesen vielversprechende Geschäftszahlen aus. Die Wahl des proeuropäisch gesinnten Emmanuel Macron zum französischen Staatspräsidenten entwickelte sich trotz aller Unwägbarkeiten sogar zu einem stabilisierenden Momentum. Selbst die beginnenden Brexit-Verhandlungen konnten diesen positiven Trend nicht beeinflussen. Die Politik konnte den Aufschwung an den Aktienmärkten nicht aufhalten. Was hat sie angetrieben?

Synchroner Aufschwung und Notenbanken als Treiber – und nicht die Politik

Ein Faktor ist das globale makro-ökonomische Umfeld, das nach kurzzeitigen Irritationen durch politische Unwägbarkeiten nachhaltig freundlich ist. Die Treiber blieben die positiven makroökonomischen Indikatoren (BIP, Vorlaufindikatoren) weltweit. Damit zeigt sich zum ersten Mal seit der Finanzkrise 2008 ein Aufschwung, der auf globaler Ebene synchron verläuft und breit abgestützt ist. Europäische Beispiele für diese Entwicklung sind die ehemaligen Sorgenkinder Europas, Portugal und Spanien.

Investment Outlook, Bilanzsumme Zentralbanken

Ein zweiter Treiber sind die G3-Notenbanken. Diese bleiben auf aggregierter Basis weiter expansiv. Obwohl die U.S. Federal Reserve auch im zweiten Halbjahr weiter an der Zinsschraube drehen dürfte, wird erwartet, dass sich die Bilanzen der Notenbanken – allen voran der Bank of Japan (BoJ) und der Europäischen Zentralbank (EZB) – tendenziell vergrössern. Die monetären Konditionen bleiben somit ein zweiter wichtiger Faktor für die Aktienmärkte.

Falsche Erwartungen an die Politik als Risiko-Faktor?

Es scheint, als ob der Einfluss politischer Ereignisse auf die Finanzmärkte immer geringer wird. Denn nach anfänglichen Vorschusslorbeeren hat die neue US-Regierung bisher keine ihrer Versprechungen umsetzen beziehungsweise materialisieren können. Die Kapitalmärkte haben die hohen Erwartungen so schnell aus den einzelnen Anlagekategorien entfernt, wie sie zuvor eingepreist wurden. Die Märkte agierten ohne Emotionen, die in der Wahrnehmung der Politik immer eine Rolle spielen.

Für die Zukunft wäre eine unberechenbare oder sogar handlungsunfähige US-Regierung ein Risiko-Faktor – und dieser wird derzeit auch als Szenario an den Aktienmärkten gehandelt. Die Marktteilnehmer könnten schnell risikoscheu werden, sollte keines der von der US-Regierung geplanten Vorhaben (wie zum Beispiel die Infrastruktur-Programme und Steuersenkungen) in den nächsten Monaten umgesetzt werden. Diese Entwicklung könnte kurzfristig sehr viel Volatilität an den Aktienmärkten auslösen. Es bleibt abzuwarten, ob sich der Aktienmarkt auch langfristig nicht von diesen Unwägbarkeiten beeinflussen lässt.

Resistent gegenüber der Politik

Fest steht, die globalen Kapitalmärkte fokussieren mittel- bis langfristig auf volkswirtschaftliche Fundamentaldaten. Die Politiker hingegen möchten wieder- oder neu-gewählt werden. In den westlichen Demokratien werden deshalb tendenziell sehr viele Versprechungen und Ankündigungen gemacht, welche in der Realität kaum umsetzbar sind. In einer initialen Reaktion kann ein Aktienmarkt durchaus verunsichert sein – der Brexit ist ein perfektes Beispiel dafür. Streicht jedoch Zeit ins Land oder werden die Versprechungen auf den Prüfstand gestellt, dann bleibt der Status Quo sehr oft erhalten. Sind Ankündigung und Umsetzung der Vorhaben also nicht kongruent, bleiben die Kapitalmärkte gegenüber Versprechungen seitens der Politiker resistent.

 

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Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
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