China und der MSCI: Zaghafte Aufnahme in einen Weltindex

China und der MSCI: Zaghafte Aufnahme in einen Weltindex 

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Nach vierjährigem Hinhalten hat der US-Indexanbieter MSCI chinesische Festlandaktien in seine Indizes aufgenommen. In zwei Schritten im Mai und August 2018 werden insgesamt 222 sogenannte A-Shares in den 1.5 Billionen US-Dollar (USD) schweren Emerging Markets (EM) Index und andere regionale und globale Barometer intergiert.

Grundsätzlich ist die Aufnahme in einen weltweit bedeutenden Index ist nicht nur ein symbolischer Erfolg – sie wird Chinas Aktienkultur mit der Zeit verändern. Die meisten Fondsmanager orientieren sich schliesslich am MSCI oder an ähnlichen Indexerstellern. Das „Reich der Mitte“ gewinnt damit internationale Anerkennung und chinesischen Unternehmen steht ab sofort ein stetig wachsendes und breiteres Finanzierungsuniversum zur Verfügung.

Chinas MSCI-Aufnahme: Marginale Auswirkungen

Einen nennenswerten Einfluss auf die A-Aktienkurse dürfte diese Entwicklung jedoch kaum haben. Die neu aufgenommen Titel machen nur 0.73 Prozent des EM-Index aus (im Vergleich zu 28.55 Prozent für die in Hongkong gehandelten H-Aktien der Volksrepublik). Im Weltindex ACWI erhöht sich die A- und H-Aktienquote somit um 0.1 Prozentpunkte auf 3.3 Prozent.

Manager, die dem MSCI folgen, verwalten gemäss Bloomberg derzeit rund zwei Billionen US-Dollar in Schwellenländern. Dabei entfallen etwa 15 Prozent davon auf passive Strategien (zum Beispiel börsenko-tierte Indexfonds). Auf dieser Basis könnten also rund 2.2 Milliarden US-Dollar «automatisch» in A-Aktien fliessen – in einen Markt, der insgesamt rund 6.9 Billionen US-Dollar wert ist. Selbst wenn aktive und andere Indexmanager berücksichtigt werden, gehen realistische Schätzungen lediglich von einem Kapital-fluss von rund 40 Milliarden US-Dollar bis August 2018 aus. In Hongkong werden jährlich Aktien im Wert von rund 1.4 Billionen US-Dollar gehandelt. Der resultierende Preiseffekt dürfte damit so oder so eher bescheiden ausfallen.

Vollständige MSCI-Integration: Von Chinas Reformen abhängig

Auch aus langfristiger Sicht ist eine gewisse Vorsicht angebracht. Das Ziel lautet natürlich, Chinas Aktien eines Tages gänzlich in die MSCI- und andere Marktindizes zu integrieren. Tempo und Ausmass dieses Prozesses werden aber von weiteren Fortschritten Chinas bei der Angleichung an internationale Normen abhängen – und zwar nicht nur in Grundfragen wie Marktzugang, Kapitalfreizügigkeit oder der Existenz eines adäquaten Angebots an Finanzderivaten.

Einerseits mahnen die bekannten Präzedenzfälle zur Geduld: Südkorea brauchte ganze acht Jahre bis zur vollständigen Aufnahme in den Index im Jahr 1998. Taiwans Weg begann 1996 und dauerte neun Jahre. Und dabei stiegen die beiden Länder auf deutlich höherem Niveau ein: Der in die MSCI-Barometer inklu-dierte Anteil lag in Südkorea bei 20 Prozent der öffentlich frei gehandelten Marktkapitalisierung («Free Float») und in Taiwan sogar bei 50 Prozent – im Vergleich zu nur 5 Prozent für die Volksrepublik. Selbst wenn wir annehmen, dass der Wunsch nach voller Einbindung in westliche Strukturen in Peking heute ebenso stark ist, wie seinerzeit in Seoul und Taipei, dürfte es doch noch eine gute Weile dauern. In den zwei erwähnten Beispielen gingen die wirtschaftliche Modernisierungsschritte schliesslich nicht zuletzt mit der vollständigen Demokratisierung der Gesellschaft einher.

Die MSCI-Indices als Wegbereiter der Nachhaltigkeit in China?

Zweitens kommt hinzu, dass die Integration in solche Benchmarks für aktive Manager keine automatische Kaufempfehlung darstellt. Sogar passive Investoren berücksichtigend zunehmend die Bereiche Umwelt, Soziales und Governance. In Europa wird inzwischen die Mehrheit der traditionellen Vermögen unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien verwaltet – und der Trend zeigt weltweit stark nach oben.

Damit Chinas Firmen für globale Anleger wirklich attraktiver werden und bleiben, müssten sie auf Dauer nicht nur die eher kapitalmarkttechnischen MSCI-Kriterien erfüllen, sondern auch den Nachhaltigkeitsgedanken zunehmend annehmen. Auch das ist die Folge des allgemeinen Aufstiegs Chinas.

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