Chinas Kreditpolitik und Asiens Performanceschwäche 

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Während der globalen Finanzkrise von 2007-2008 galt Asien als der unbestrittene Hoffnungsträger für eine rasante Erholung der Weltwirtschaft. Tatsächlich erholte sich China als erstes Land schneller als die westlichen Volkswirtschaften. Während an den Börsen von New York oder Frankfurt noch bis März 2009 der Bär tanzte, hoben chinesische Aktien bereits im Oktober 2008 regelrecht ab.

Doch schon im Spätsommer 2009 begann die China-Hausse abzuklingen und seit Herbst 2010 geht es dort trendmässig bergab. Die Talfahrt hat sukzessive auch neben den Schwellenländern auch die meisten anderen Börsen Asiens erfasst. Die langfristigen absoluten Aufwärtstrends sind zwar noch einigermassen intakt, doch relativ zu den Industrieländern verlieren Asien-Pazifik-Aktien deutlich an Stärke (Grafik 1). In diesem Jahr hat sich diese Schwäche auch auf die asiatischen Währungen übertragen (Grafik 2), worunter auch die Nachfrage für asiatische Staatsanleihen zu leiden begonnen hat.

Was ist geschehen?

Das wichtigste Problem Chinas (und damit auch Asiens) ist, dass die private und quasi-öffentliche Verschuldung seit 2008 um ein vielfaches schneller wächst, als das Nationaleinkommen (BIP). Die Kreditvergabe wuchs 2008-2009 gut viermal so stark wie das BIP. Seit Ende 2010 hat sich das Kreditwachstum zwar in etwa halbiert – wächst aber immer noch deutlich schneller als das BIP und auch schneller als in der Zeit vor 2008. Damals, vor 2008, erfreute sich China allerdings eines deutlich höheren und «gesunderen» Wirtschaftswachstums als heute, wenn am Ende teilweise «nur» aufgrund des ebenfalls kreditgetriebenen «Überkonsums» in den USA und Europa (Beispiele: Staatschuldenblase in Griechenland, Immobilienboom in Spanien, extreme Bankkredithausse in Irland und Island, etc.). Übermässig hohes Kreditwachstum ist auch in China nicht nachhaltig. Das wiederum impliziert, dass die chinesischen Behörden auch im kommenden Jahr versuchen werden, bei der Kreditvergabe mehr oder weniger sanft auf die «Bremse» zu treten – wie schon seit Mitte 2010.

Die Geister, die ich rief

Die ab 2008 «kommandowirtschaftlich» angeordnete Kreditschwemme in China sollte den Einbruch des westlichen Konsums nach der Finanzkrise von 2007-2008 kompensieren und dem «Reich der Mitte» eine Rezession ersparen. Dies gelang auch. Doch zugleich wurden damit die Risikokredite im Bankensystem des Landes stark erhöht. Langfristig gilt auch in China, dass Schulden im Einklang mit den Einkommen wachsen sollten. Sonst riskiert das Land, dass es den Westen oder Japan zuerst im Bereich Gesamtverschuldung einholt, lange bevor es auch nur annähernd so wohlhabend geworden ist.

Den Wirtschaftslenkern in Peking ist dieser Sachverhalt bekannt und so werden sie auch weiterhin versuchen, das Kreditwachstum zu drosseln – nach Möglichkeit ohne grössere Verwerfungen für Wirtschaft und Finanzmärkte. Wie die Turbulenzen in Chinas Geld- und Aktienmarkt vom Juni 2013 jedoch zeigen, verläuft dieser Prozess nicht reibungslos. Seit Mitte 2010 hat China vier solche «Kreditklemmen» erlebt und der Aktienmarkt befindet sich seitdem in der Baisse. Solange sich Chinas Kreditwachstum nicht auf ein nachhaltig haltbares Niveau einpendelt, muss leider auch zukünftig mit solchen Episoden gerechnet werden.

Short-Term Pain, Long-Term Gain

Die straffere Kreditpolitik macht langfristig Sinn, senkt aber kurz- bis mittelfristig das Wachstum und belastet damit auch die Firmengewinne. Zudem hat Chinas Situation natürlich auch Auswirkungen auf die Nachfrage für Industrierohstoffe und somit Konsequenzen für andere Länder. Börsenturbulenzen und eine anhaltende Unterperformance können auch in Zukunft nicht ausgeschlossen werden, denn gerade asiatische Aktien wurden in den vergangenen Jahren primär in Erwartung sehr hoher und steigender Wachstumsraten gekauft. Wenn das Wachstum nun aber über mehrere Jahre hindurch nachlässt, fällt das wichtigste Investitionsargument weg.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Viele asiatische Sektoren und Märkte werden sich in einem insgesamt freundlichen globalen Marktumfeld, wie es derzeit gegeben ist, durchaus gut entwickeln und es wird auch in Zukunft exzellente Unternehmen aus der Region geben. Es wird auch die Zeit kommen, die Region wieder generell «in» ist.

In unseren langfristigen Anlageansätzen wird Asien je nach Aussicht eine flexible, aber mit Sicherheit weiterhin strategisch wichtige Position einnehmen. Zudem bieten schwierige Börsen- und Konjunkturzeiten strategisch orientierten Investoren eine sehr gute Gelegenheit, um langfristig profitable Beteiligungen zu suchen und aufzubauen, etwa über Private Equity-Anlagen. Doch auf absehbare Zeit könnten Asiens Börsen jedoch weiter zur Schwäche neigen. Denn zuerst müssen sich die im Laufe von Jahren aufgebauten und letztlich enttäuschten Erwartungen abbauen und normalisieren. Das könnte eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Immerhin gibt es aber erste Anzeichen, dass die aufstrebenden Märkte in diesem Jahr in eine Phase der «negativen Übertreibung» eingetreten sind. Damit ist immerhin eine Voraussetzung für eine zukünftige Stabilisierung gegeben.

 

Grafik 1: Der langfristige Aktientrend seit dem Tiefpunkt 1998 nach der «Asienkrise» zeigt immer noch aufwärts. Seit Ende 2010 tendiert der regionale Index jedoch zur Schwäche relativ zum MSCI World Index. Solche längere zyklische «Korrekturen» finden zumeist erst nach einer «Übertreibung» ein Ende.

Asien-Pazifik (ohne Japan) relativ zum Industrieländerindex (USA, Westeuropa, Japan)

 

Grafik 2: Im Vergleich zu Aktien haben sich die asiatischen Währungen recht stabil gehalten. Doch auch hier ist seit 2011 ein Momentumverlust ersichtlich und seit einigen Monaten geht es sogar bergab. Auch hier muss mit einer längeren zyklischen «Korrektur» oder «Konsolidierung» gerechnet werden.

Schwellenländer relativ zum Industrieländerindex (USA, Westeuropa, Japan)

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
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