Chronik einer angekündigten Katastrophe: Der Erste Weltkrieg und die Finanzmärkte

Chronik einer angekündigten Katastrophe: Der Erste Weltkrieg und die Finanzmärkte 

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Vor 100 Jahren endete der erste Weltkrieg. Kein namhafter Zeitgenosse hatte seine Ausmasse geahnt. Auch die Finanzhäuser der Welt schlitterten in eine Katastrophe, die sich abzeichnete, aber undenkbar schien.

Im Sommer des Jahres 1914 erreichte der globale Handel gemessen an der wirtschaftlichen Gesamtleistung etwa den Anteil der Anfangsjahre des aktuellen Jahrhunderts. Der transatlantische Warenverkehr zwischen Europa und Amerika blühte. Das russische Zarenreich schickte sich an, das rohstoffreiche Sibirien zu erschliessen und mit internationaler Finanzhilfe die eigene Industrialisierung voran zu treiben. Vor allem für die Finanzinstitute schien eine Ära ungeahnter Wachstumsmöglichkeiten und sprudelnder Gewinne angebrochen zu sein – doch auch sie, die als unvoreingenommene Analysten des Zeitgeschehens galten, konnten die Zeichen der nahenden Katastrophe für die Völker der Welt nicht entziffern.

Die Katastrophe, die jeder sah, aber niemand wahr haben wollte

So sehr zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Konflikte zwischen den Grossmächten wuchsen, so einig war man sich, dass ein kommender Krieg ein kurzer Waffengang, ein „reinigendes Stahlgewitter“ über längstens ein paar Monate werden würde. Die Kurse der Staatsanleihen, die Gradmesser für die politische Stabilität, stiegen relativ konstant mit dem allgemeinen wirtschaftlichen Wachstum. Nur einzelne Experten wie der polnische Bankier Iwan Bloch oder der britische Finanzfachmann Sir Norman Angell dachten über einen kurzen, begrenzten Krieg hinaus. Sie errechneten für den Fall eines grossen europäischen Konflikts einen Wertverlust bei europäischen Bonds von bis zu 40 Prozent – ein finanzpolitisches Horrorszenario, das jedoch durch die Realität noch weit überboten werden sollte. Die grossen europäischen Bankplätze hingen weiter der Illusion des kurzen Krieges an und Banken investierten unbekümmert weiter in Anleihen. Noch Mitte Juli 1914 – wenige Tage vor Ausbruch des Krieges – empfahl der Londoner Grossbanker Nathan Rothschild den Vorsitzenden seiner europäischen Ländergesellschaften, ihre umfangreichen Investments in Staatsanleihen beizubehalten, da sich eine Vernunftlösung zwischen den Grossmächten abzeichne und niemand Interesse an einem Weltenbrand habe.

Staatsanleihen und Stahlgewitter

Erst Anfang August, nach Ausbruch des Krieges zwischen Österreich-Ungarn und Serbien und der deutschen Kriegserklärung gegen Russland, erschütterten erste Beben die Preise für Staatsanleihen. Der renommierte britische Economist mutmasste als erster, dass die globalen Einbrüche einen weit grösseren Konflikt ankündigten, als bisher angenommen wurde. Die fast mechanische Abfolge von Kriegserklärungen aufgrund von Bündnisfällen korrigierte die Fehlwahrnehmung fast aller Banken auf drastische Weise: An der Londoner Börse zogen ausländische Banken ihr Kapital ab. Britische Banken hielten viele Schuldpapiere ausländischer Schuldner, die nun kaum mehr gedeckt werden konnten, und nur die Schliessung fast aller europäischen Börsen verhinderte den sofortigen finanziellen Kollaps weiter Teile der Branche.

Systemblindheit: Eine Retrospektive

Der erste Weltkrieg war zu allererst eine menschliche Katastrophe. Gleichzeitig ist diese Negativzäsur der Menschheitsgeschichte ein Beispiel für die Fehlbarkeit politischer und finanzpolitischer Prognosen. Unter Finanzexperten war man sich einig, dass ein industriell geführter Krieg diesen Ausmasses gar nicht finanzierbar war. Regierungen würden schon wegen der internationalen Verflechtung und der gegenseitigen Abhängigkeit lange Kriege vermeiden, die sie finanziell ruinieren könnten. In der Rückschau stellt sich der Weg in den Weltkrieg anders dar: Zwischen 1914 und 1918 traf genau das ein, was fast alle internationalen Finanzinstitute aufgrund ihrer Interpretation des Zeitgeschehens für unmöglich gehalten hatten – und vielleicht traf es sogar ein, weil niemand es für denkbar hielt.

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