Marktausblick: Nach dem Corona-Schreck

Marktausblick: Nach dem Corona-Schreck 

Meine Einschätzungen im Blogbeitrag vom 3. März 2020 haben sich als zu optimistisch herausgestellt: Der Markt brauchte noch weitere zehn Tage bis er den Boden erreichte. Das sollte Anleger einerseits an den Sinn von Stop-Loss-Limiten erinnern. Für langfristige Anleger spielte dies andererseits nur eine geringe Rolle – denn Aktien notieren inzwischen wieder höher als Anfang März.

Der aus den beliebtesten Aktien des Digitalzeitalters bestehende NYSE FANG+ Index notiert aktuell sogar gut 11% höher als Anfang März (siehe Abbildung). Ich bleibe daher dabei: Der Ausblick für Aktien bleibt konstruktiv. Die technologische Innovation und Revolution geht weiter. Die Pandemie wird diese Trends sogar noch beschleunigen – hoffentlich zum Positiven für uns alle. Die Angst sehr vieler Menschen und die mangelnde Vorbereitung der Behörden in zahlreichen Ländern auf eine moderne Pandemie wie Corona habe ich aber sicherlich unterschätzt.

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Gigantische Konjunkturprogramme

Doch inzwischen wissen wir alle mehr über die Pandemie und auch über mögliche Alternativen zu einem kompletten Lockdown, durch den das öffentliche Leben und die Wirtschaft stillgelegt werden. So sollten wir nicht vergessen, dass es in Hongkong, einer internationalen, offenen und dicht gedrängten Millionenstadt in unmittelbarer Nähe zum einstigen Pandemieursprung Wuhan, bis heute nur vier Corona-Todesfälle zu beklagen gibt – und dies ganz ohne harten Lockdown und Zwangsmassnahmen.

Dazu kommen die gigantischen Programme, die alle grossen Volkswirtschaften während des Corona-Lockdowns verabschiedet haben. Alle Notenbanken haben ihre quantitativen Lockerungsprogramme wieder voll aufgegriffen und sogar auf weitere Wertpapiersegmente ausgeweitet. So kauft die US-Notenbank Federal Reserve erstmals auch Anleihen von Städten und Gemeinden sowie Unternehmenskredite. Der Club der quantitativen Lockerungsbetriebe ist zudem gewachsen: Australien kauft nun ebenfalls eigene Staatsanleihen, und Südkorea hat bereits seine Bereitschaft für solche Massnahmen erklärt.

Abrupte Kehrtwende: Von der Straffung zur expansiven Lockerung

Im Verlauf von wenigen Monaten hat sich der konjunkturpolitische Hintergrund daher komplett verändert. Statt zinspolitische Straffung und eine Reduktion der umlaufenden Geldmenge haben wir jetzt weltweit eine expansive Geldpolitik – diesmal kombiniert mit dem grosszügigsten Deficit-Spending seit dem Zweiten Weltkrieg. Länder wie die USA, China, Japan, Australien oder auch Singapur werden dieses Jahr Haushaltsdefizite von mehr als 10% ihrer Wirtschaftsleistung einfahren, um sicherzustellen, dass die Konjunktur nach den verordneten Zwangsschliessungen wieder in Schwung kommt und die dadurch verursachten Schäden – wie Arbeitslosigkeit und Kreditausfälle – sich nicht in länger wirkende, chronische Probleme verwandeln.

Wenn man weitere Massnahmen wie Staatskredite oder den Wert von staatlichen Kreditgarantien hinzunimmt, sind die Summen weitaus grösser – zum Beispiel in Japan bei rund 43% des Bruttoinlandprodukts (BIP). Nicht schlecht für ein Land, das angeblich seit Jahrzehnten praktisch pleite sein soll.

Grossbritannien hat bereits nach wenigen Wochen im Lockdown erklärt, dass die Regierung so lange und so viel Geld wie nötig ausgeben werde um die Wirtschaft zu retten, ohne jedes Mal ein neues Hilfspaket anzukündigen. Selbst grundsätzlich schuldenfeindliche Länder wie Deutschland wollen nun Haushaltsdefizite von weit über der europäischen Dreiprozentregel akzeptieren und dies auch den weniger finanzstarken EU-Staaten mittels Ausweitung des EU-Budgets ermöglichen.

Robuste Erholung in Sicht
Trotz verbleibender Unsicherheiten wie einer erneuten Ansteckungswelle, geo- und handelspolitischen Streitigkeiten sowie sozialer Unruhen ist eine robuste Erholung der Weltwirtschaft in der zweiten Hälfte des Jahres wahrscheinlich. Es kann sogar sein, dass wir uns in zwei bis drei Jahren in einer deutlich robusteren Wirtschafts- und Börsenhausse befinden als angenommen, da uns der COVID-19-Schock massive Konjunkturmassnahmen gebracht hat.
Sollten Anleger deswegen Haus und Hof auf die Fortsetzung der Erholung setzen? Sicher nicht. Bewusst Risiken eingehen, den eigenen Toleranzgrenzen und Zeithorizonten entsprechend, wird sich aber weiter lohnen.

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