Corona-Krise – Stresstest für Europas Zukunft

Corona-Krise – Stresstest für Europas Zukunft 

Nach der Eurokrise vor zehn Jahren stellt nun das Coronavirus die Europäische Union (EU) auf eine Existenzprobe. Gefragt ist ein hohes Mass an Solidarität mit den angeschlagenen Ländern und vor allem eine gemeinsame Strategie.

War es vor einer Dekade vor allem Griechenland, das Brüssel in der durch die Finanzkrise ausgelöste Eurokrise in Atem hielt, hat die aktuelle Corona-Krise eine ganz andere „Qualität“. Mit Italien ist die drittgrösste Volkswirtschaft der Eurozone – ein Kernland – in starke Bedrängnis geraten. Ohne Hilfe der EU droht dem Land ein Kollaps oder eben der EU eine neue Eurokrise von noch grösserem Ausmass.

Italien vor einer Zerreissprobe

In Italien ist die soziale, wirtschaftliche und politische Lage besonders kritisch und das könnte für die Zukunft der EU ausschlaggebend sein. In Rom war das politische Kräfteverhältnis schon vor der Corona-Krise äusserst fragil. Bereits in der Finanzkrise und jüngst auch in der Flüchtlingskrise fühlte sich Italien alleingelassen. Die Konsequenz war ein Rechtsrutsch und das Wachsen populistischer Kräfte, die Brüssel höchstens im Eigeninteresse wohlgesinnt sind – dieser Trend könnte nun weitergehen.

In der EU wurde Italien neben Spanien am härtesten von der Coronavirus-Pandemie getroffen. Bisher haben Italien und Spanien jeweils 25 000 bis 30 000 Todesfälle zu beklagen. Nicht nur das Gesundheitssystem ist stark angeschlagen, sondern auch die Staatsfinanzen. Der verhängte komplette „Lockdown“ hat dramatische wirtschaftliche Konsequenzen; dabei war Italien schon vor Ausbruch der Pandemie in einer schwachen finanziellen Verfassung. Rom wird die Lasten der Krise also kaum alleine stemmen können – und für die EU ist Italien zwar ein grosses, aber nicht das einzige Problem. Je nachdem wie lange der Lockdown in Italien und den weiteren EU-Staaten dauern wird und wie die weiteren Einschränkungen aussehen werden, hat die Corona-Pandemie noch viel stärkere Auswirkungen auf die gesamte Euro-Wirtschaft (mehr dazu am Ende des Beitrags).

EU-Stresstest stellt Solidarität auf Probe

Die Frage stellt sich nun: Schafft es die EU als Einheit nicht nur die Pandemie einzudämmen, sondern auch die wirtschaftlichen Konsequenzen abzufedern und diese Krise zu meistern? Oder muss sich schlussendlich jeder selbst helfen – womit zwangsläufig nicht nur in Rom der Sinn einer Gemeinschaft in Frage gestellt werden würde.

Einmal mehr muss sich die EU fragen, welche Strategie sie verfolgen will: Die eines losen und unverbindlichen Staatenverbunds, in dem die Mitglieder voneinander wirtschaftlich profitieren, sich aber ansonsten einander nicht verpflichtet fühlen, oder die einer Einheit, respektive eines quasi europäischen Staates. Zweitere würde den Zusammenhalt in guten wie auch in schlechten Zeiten bedingen – alle für einen, einer für alle! Nicht nur wirtschaftliche Interessen würden dabei im Mittelpunkt stehen, sondern eben auch emotionale Faktoren wie das Zusammengehörigkeitsgefühl, sprich die Solidarität. Bei der Schaffung von „Corona-Bonds“ in der Folge der Corona-Krise geht es eben genau auch um diese Kernfrage.

Mit Frauenpower voran

Führend in dieser Diskussion um das Handeln der EU sind dabei zwei Frauen. Mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wie auch der Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) Christine Lagarde sind zwei prominente europäische Spitzenpositionen seit jüngstem von Frauen besetzt. Sie müssen sich nun bereits in einer Wirtschaftskrise historischen Ausmasses beweisen. Die Chance für sie wäre da, Europa mit frischen Ideen und eventuell unorthodoxen Mitteln näher zusammenzurücken. Die Widerstände sind jedoch, vor allem wenn es um die Finanzen geht, eher stärker geworden.

Wie geht der EU-Stresstest aus?
Die Krise ist für die EU also eine weitere Gelegenheit einen Konsens finden, welchen Idealen sie sich verpflichten will. Verfallen die Mitgliedsländer in nationalen Egoismus, schwächen sie die Union und auch sich selbst. Will die EU stark sein, muss sie sich als Einheit – als eine Macht im positiven Sinne – präsentieren. Ansonsten wird sie anderen Machtzentren die Gelegenheit bieten, von ihren Schwächen zu profitieren. Washington und Peking verfolgen eigene Strategien und ein geschwächtes, zerstückeltes Europa könnte diesen Interessen durchaus förderlich sein. Die Corona-Krise wird sich für die EU wie auch andere Krisen als Prüfstein weisen, an dem sich zeigt, wie solide ein Gebilde oder eine Partnerschaft ist. Der Umgang mit der Krise wird insbesondere für den europäischen Zusammenhalt entscheidend sein und die Zukunft der Union prägen.


EZB sieht drei Szenarien der Corona-Krise

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat in ihrem neuesten „Economic Bulletin“ die möglichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Euro-Wirtschaft analysiert und dabei drei Szenarien abgeleitet. Die Unterschiede der Szenarien ergeben sich vor allem aus der angenommenen Dauer des „Lockdowns“ in den einzelnen Ländern. Eine Rolle bei der Beurteilung spielen aber auch die ergriffenen Massnahmen, den wirtschaftlichen Schaden zu minimieren und auch ökonomische Effekte, die auch nach dem Ende des „Lockdowns“ die Wirtschaft belasten.

Die drei Szenarien der EZB werden wie folgt beschrieben:

  1. Mildes Szenario
    Ein strikter „Lockdown“, der noch im Mai beendet werden kann, schnelle Fortschritte bei der medizinischen Behandlung der Infizierten, schrittweise Rückkehr zu normaler Aktivität und in der Konsequenz nur vorübergehende wirtschaftliche Verluste. In dieser Annahme geht die EZB von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2020 um fünf Prozent und einer kräftigen Erholung des BIP um sechs Prozent aus.
  2. Mittleres Szenario
    Ein strikter „Lockdown“, der ebenfalls bis Ende Mai endet, aber mit anschliessend relativ strengen und anhaltenden Eindämmungsmassnahmen, die eine verzögerte Rückkehr zur Normalität bedeuten. In der Konsequenz wäre mit einem anhaltenden wirtschaftlichen Schaden zu rechnen. In dieser Variante prognostiziert die EZB einen Einbruch des BIPs in diesem Jahr um acht Prozent und einer moderateren Erholung im 2021 von fünf Prozent.
  3. Ungünstiges Szenario
    Länger anhaltender, strikter „Lockdown“, der erst im Verlauf des Junis endet. Nur begrenzte Erfolge bei der Pandemie-Eindämmung, weshalb die Massnahmen selbst nach dem Ende des „Lockdowns“ strikt bleiben. Die wirtschaftliche Aktivität wäre so lange gedämpft, bis (frühestens Mitte 2021) ein Impfstoff entwickelt ist. In diesem Szenario kommt es zu signifikanten und permanenten wirtschaftlichen Negativeffekten und das BIP würde 2020 um bis zu zwölf Prozent einbrechen, bevor 2021 mit einer relativ geringen Erholung von vier Prozent zu rechnen ist.

Längerfristig betrachtet, könnte die Wirtschaft im Euroraum bis Ende 2022 brauchen, um das Niveau von vor Corona-Krise wieder zu erreichen. In einem noch pessimistischeren Szenario könnte das Euro-BIP noch bis Ende 2022 unter dem Niveau von Ende 2019 liegen.

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