Crowdfunding aus der Sicht der klassischen Finanzmarkttheorie

Crowdfunding aus der Sicht der klassischen Finanzmarkttheorie 

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Florian Semle hat in seinem Beitrag die Grundlagen der Schwarmfinanzierung beschrieben, aber auch deren Grenzen aufgezeigt. Ich gehe einen Schritt weiter und betrachte Crowdfunding (Schwarmfinanzierung) aus Sicht der klassischen Finanzmarkttheorie, genauer eines klassischen Investors. Das Ziel eines klassischen Investors ist es, eine (möglichst) hohe Rendite bei geringem Risiko zu erzielen. Er optimiert – im Sinne eines homo oeconomicus – den Nutzen seiner Investition unter Berücksichtigung der Opportunitätskosten, also dem Gewinn der mit einem anderen Investment möglich gewesen wäre. Sein Nutzen ist also in erster Linie die Rendite. Der homo oeconomicus versucht, Anlagen zu finden, die ihm bei gleichem Risiko den grössten Ertrag einbringen – ceteris paribus.

Würde der homo oeconomicus in Crowdfunding-Projekte investieren?

Meine Antwort kurz und knapp – NEIN. Die Opportunitätskosten sind bei Projekten, bei denen eine diffuse Crowd investiert, aus zwei Gründen unkalkulierbar. Erstens hängt die Rendite nicht nur von wirtschaftlichen Faktoren, sondern auch vom Zustandekommen des Fundings überhaupt ab. Zweitens sind die Motive der teils sehr heterogenen Crowd-Investoren ebenfalls sehr unterschiedlich. Nun könnte man sagen, das auch die eigentlichen Eigentümer einer börsennotierten Firma quasi eine «Crowd» sind (viele Einzelaktionäre nebst möglichen Mehrheitsaktionären), doch unterscheiden sich die Erwartungen und/oder Beweggründe, eine Aktie zu kaufen von denen, sich an einem Crowdfunding-Projekt erheblich. Einige Gründe dafür wurden bereits von Markus Pfeil (Im Schwarm in die Pleite) oder auch von Florian Semle genannt.

Der Mehrwert von Crowdfunding

Wenn die Motivation schon eine andere ist, zeigen sich aber doch ähnliche Tendenzen: Crowdfunding kann zwar nicht leisten, was das klassische Investment kann – es kann aber Aspekte abdecken, die der radikale homo oekonomicus nicht erreicht. Die «klassische» Investition kann dadurch mit Elementen angereichert werden, die Investoren ursprünglich nicht im Blick hatten. Moralische Ideen oder ethischen Grundsätze können mit wirtschaftlichen/finanziellen Interessen kombiniert werden. Das zeigt sich in der Finanzbranche auch jenseits des Crowdfundings. Unter dem Begriff «Sustainable Investments» (sog. Nachhaltige Anlagen) investiert die LGT in Unternehmen, Organisationen und Länder, die sich durch Nachhaltigkeitskriterien (ESG-Kriterien) auszeichnen, langfristig die finanzielle Wertschöpfung sichern und darüber hinaus nachhaltig zur Erhöhung der Lebensqualität beitragen. Solche nachhaltigen Anlagen gehören zur Zeit bei Investoren zu den gefragten Ansätzen. Auch klassische Investoren haben ein wachsendes Interesse daran, die ethischen, moralischen oder ökologischen Grundlagen ihres Investments zu kennen.

Vom Willen zur Rendite und zurück?

Vielleicht sitzt vielen Privatinvestoren der Finanzkrisen-Schreck von 2007/2008 noch in den Knochen, was den Aufschwung des Crowdfundings in den letzten Jahren eventuell zum Teil mit erklären kann. Hier verbirgt sich ein Ansatz, mit dem man sich ein neues «Modell» basteln könnte – wenn auch nicht mit den klassischen Elementen der Finanzmarkttheorie. Ich habe eingangs erklärt, der homo oeconomicus optimiere bei einer Investition seinen Nutzen im Sinne von Ertrag/Risiko. Ersetzen wir doch nun den Nutzen durch eine wesentliche Motivation des Crowdfundings: dem gemeinschaftlichen Willen, ein Projekt zu verwirklichen… und schon macht Crowdfunding Sinn für einen Investor, der eben diesen Nutzen erzielen will. Allerdings wird es schwierig sein, diesen Nutzen zu quantifizieren. Und dennoch ist es möglich, dass das Crowdfunding zu einem späteren Zeitpunkt auch für den «klassischen» homo oeconomicus interessant werden kann. Dann nämlich, wenn sich aus dem Sinn eine erfolgreiche Idee entwickelt hat, die auch durch den wirtschaftlichen Nutzen besticht und folglich auch den Renditeerwartungen gerecht wird.

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 25. Juli 2014 | Die Börsenblogger

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