Das erste Börsenparkett: Wirtshausdielen

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Der Name einer mittelalterlichen Wirte-Dynastie ist heute das Synonym für den Wertpapierhandel – die Frühgeschichte der Börse.

Die New York Stock Exchange – wegen ihres Standorts an der berühmtesten Finanzmeile der Welt auch Wall Street genannt – ist die unbestritten wichtigste Börse der Welt. Die grösste Börse der Welt ist mit ihren knapp 225 Jahren nur halb so alt wie die älteste Börse. Diese wurde vor über 600 Jahren in Europa gegründet – 1409 in Brügge.

Brügge lag im 14. Jahrhundert am Schnittpunkt der Handelsimperien der deutschen Hanse und der italienischen Kaufleute. Bereits um 1370 wurden in Brügge die Wechselkurse verschiedener Währungen gelistet, und schon um 1400 soll es einen organisierten Geldmarkt für die wichtigsten Handels- und Bankenzentren in Europa – etwa Barcelona, Venedig, London und Paris – gegeben haben.

Die Einwohner von Brügge agierten nicht selbst als Händler, sondern dienten sich den ausländischen Geschäftsleuten als Mittler an. Den Gastwirten eröffnete sich ein lukratives Nebengeschäft: Sie beherbergten die Kaufleute nicht nur, sondern vertraten diese auch.

Zu den angesehensten dieser Gastgeber zählte die Familie Van der Beurse, die sinnfällig drei Portemonnaies in ihrem Wappen führten. Die Makler der Stadt tauschten auf dem Platz vor dem Gasthaus – dem Beursplein – in regelmässigen Abständen Nachrichten und Informationen über die Konjunktur und die Lage auf den ausländischen Märkten aus. Die Vereinigungen ausländischer Kaufleute eröffneten ihre Niederlassungen in der Nähe des Gasthauses, und wenn es regnete, führte man Gespräche und Handel in der Gaststube weiter. Das schon seit Generationen in ihrem Besitz befindliche Gasthaus «Ter Beurse» entwickelte sich zum Finanzzentrum der Stadt.

Rund 50 Jahre lang sollte Brügge der weltweit einzige Börsenplatz bleiben, 1460 folgte Antwerpen, wo vor allem Gewürze gehandelt wurden, und in den Jahrzehnten darauf Börsen in Flandern, den Niederlanden, England und Frankreich. Für Deutschland sind Börsen erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts belegt. Ungeklärt ist nach wie vor, ob Nürnberg, Augsburg, Frankfurt, Hamburg oder Köln den Anfang machte. Klar ist allerdings, dass die ersten Börsen keine Wertpapierbörsen waren, sondern reine Warenbörsen. Wertpapierbörsen, die man heute gemeinhin als Börse bezeichnet, gibt es erst seit dem 18. Jahrhundert.

Leselinks:
Das Museum der belgischen Nationalbank schreibt ebenso über die «Ur-Börse» wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrem Börsenlexikon.

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 22. September 2015 | Die Börsenblogger

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