Das Inflatiönchen: Dünger für das Wirtschaftswachstum

Das Inflatiönchen: Dünger für das Wirtschaftswachstum 

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Preisstabilität ist das oberste Ziel jeder Notenbank. Das bedeutet allerdings nicht etwa ein Streben nach Nullwachstum der Preise: Angestrebt wird vielmehr eine Inflation ma non troppo.

Das Papier, das am 12. Februar 2010 in Washington erschien, trug den unverfänglichen Titel „Rethinking Macroeconomic Policy“. Es stammte aus berufener Feder: Sein Autor, der damalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IMF) Olivier Blanchard, hatte es zusammen mit zwei Kollegen verfasst, und das Paper hatte es in sich: In seiner „IMF Staff Position Note“ dachte Blanchard nämlich laut darüber nach, ob es nicht sinnvoll sein könnte, dass sich Notenbanken in guten Zeiten ein Inflationsziel von 4 Prozent setzen sollten. Ein Aufschrei unter Notenbankern war die Folge: Bei 4 Prozent Inflation verlöre ein Dollar in nur 17 Jahren die Hälfte seines Werts, und die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken wäre dahin.

Preise steigen oder fallen: In einer Marktwirtschaft können sich die Preise für Güter und Dienstleistungen jederzeit ändern. Steigen die Preise in ihrer Gesamtheit, spricht man von Inflation. Für einen Franken, einen Euro oder einen Dollar kann man auf einmal weniger kaufen als zuvor; mit anderen Worten: Das Geld ist auf einmal weniger wert. Es ist grundsätzlich das Ziel jeder Notenbank, die Preise stabil zu halten. Das Funktionieren einer Marktwirtschaft, aber auch der soziale Friede eines Landes hängen davon ab, dass die Preise stabil bleiben und sich die Bürger darauf verlassen können, dass ihr Geld seinen Wert behält. Die Schrecken der Deutschen Inflation von 1914 bis 1923 wirken bis heute nach, und es kommt nicht von ungefähr, dass gerade in Deutschland die Skepsis gegenüber einer expansiven Geldpolitik, wie sie seit der Finanzkrise in vielen Ländern betrieben wird, besonders gross ist.

In der Lesart der Notenbanken bedeutet „Preisstabilität“ aber nicht etwa ein Nullwachstum der Preise, sondern vielmehr ein sachtes Ansteigen, also quasi eine Inflation ma non troppo. Die Schweizerische Nationalbank, die Europäische Zentralbank und das Amerikanische Fed verfolgen unisono das Ziel eines allgemeinen Preisanstiegs von nicht mehr als 2 Prozent. Der Sturm der Entrüstung, den Blanchard mit seinem Positionspapier erntete, war allem voran der vorgeschlagenen Höhe dieses Ziels geschuldet – bei den in Bern, Frankfurt und Washington salonfähigen 2 Prozent dauert die Halbwertszeit eines Dollars immerhin 34 Jahre.

Der Grund, weshalb sich die Notenbanker überhaupt ein Inflationsziel setzen, liegt darin, dass Inflation, in Massen genossen, die Wirtschaft schmiert. Wer damit rechnen muss, dass ein Gut morgen mehr kostet als heute, wird es eher früher kaufen als später. Das Geld fliesst so rascher in den Kreislauf zurück, was die Wirtschaft stimuliert. Arbeitgeber profitieren überdies, weil die Reallöhne sinken, ohne dass die Nominallöhne gekürzt werden müssten. Behält bei einer Inflationsrate von 0 Prozent das Geld exakt seinen Wert, entfallen diese Anreize, und im Fall einer Deflation, in der die Preise in ihrer Gesamtheit fallen, werden Käufe von Konsumgütern und Investitionen in die Zukunft verschoben, weil sie dann günstiger sind. Das Horten von Geld beginnt sich zu lohnen, weil es sich auf diese Weise vermehrt, und die Wirtschaft gerät ins Stocken. Eine geplante Inflation – ob von defensiven 2 oder forschen 4 Prozent – ist daher allem voran eine geldpolitische Sicherheitsmarge, die eine blühende Wirtschaft vor dem Verdorren schützen soll.

Leselinks:

Bild: Bargeldanlieferung in der Reichsbank Berlin, Oktober 1923. Bundesarchiv, Bild 183-R1215-506 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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