Das Kreuz mit dem Zins: Mit Schwundgeld gegen das biblische Verbot

Das Kreuz mit dem Zins: Mit Schwundgeld gegen das biblische Verbot 

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Es ist ein Kreuz mit dem Zins. Er ist ein gutes Geschäft, und doch verbietet ihn die Bibel. Was unvereinbar scheint, hat zu allen Zeiten die Kreativität beflügelt, der Bibelauslegung und der Ökonomie.

„Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; ihr sollt keinerlei Zinsen von ihm nehmen.“, schreibt das 2. Buch Mose vor. Zinsen sind Teufelswerk. Bloss: Zinsen sind auch ein gutes Geschäft. Um die Kluft zwischen Bibel und Buchhaltung zu überbrücken, mussten schöpferische Lösungen her.

Kloster Gleiß - Wichmann von Seeburg-Erzbischof von Magdeburg

Neben dem Kloster Gleiss stehende Statue des im österreichischen Gleiss geborenen Wichmann von Seeburg, späterer Erzbischof von Magdeburg.

Als ganz besonders kreativ erwies sich Wichmann von Seeburg: Im Jahr 1154 zum Erzbischof von Magdeburg geweiht, war er einer der mächtigsten Kirchenfürsten der Zeit. Doch Kirchen und Kriege kosten Geld, und so griff Wichmann zum sogenannten „Schwundgeld“. Einmal geprägt, wurden die Magdeburger Münzen alle sechs Monate „verrufen“, d.h. kurzerhand für ungültig erklärt. Die alten Münzen liessen sich danach zwar in die neuen, frisch geprägten umtauschen, doch erhielten die Bürger jeweils für zwölf alte Münzen nur noch neun neue. Halbjahr für Halbjahr ging so ein volles Viertel an den Erzbischof. Das Schwundgeld war ein Segen: Zum einen flossen der erzbischöflichen Kasse beträchtliche Geldmengen zu, und zum anderen wurde der Geldumlauf enorm beschleunigt, denn um dem empfindlichen Wertverlust zu entgehen, brachten Bürger, Handwerker und Händler die als „rostendes Geld“ verspotteten Pfennige rasch wieder in Umlauf.

Die halbjährliche 25-Prozent-Kapitalsteuer war keine Erfindung Wichmanns: Im Mittelalter war Schwundgeld weit verbreitet. In der Regel betrug die Steuer allerdings „nur“ 10 Prozent pro Jahr – 10 alte Münzen gegen 9 neue. Diese Art der Geldbeschaffung hatte den Vorzug, mit dem biblischen Zinsverbot kompatibel zu sein: Ein Kredit musste bei seiner Tilgung mit derselben Anzahl neuer Münzen zurückgezahlt werden. Wer also 100 (alte) Münzen geliehen hatte, musste nach Ablauf der vereinbarten Dauer wieder 100 (neue) Münzen zurückzahlen. Der Gläubiger sparte so die Kapitalsteuer ein, und der Kredit blieb (scheinbar) zinslos. Anders sah die Sache naturgemäss beim Schuldner aus. Der Kreditnehmer nämlich trug die vollen Kapitalkosten, die periodisch durch den verlustreichen Münztausch anfielen, was nichts anderes als Zinsen sind. Solange die Preise weniger als 10 Prozent stiegen, machten die Gläubiger Kasse.

Expansive Geldpolitik, ob von Erzbischöfen oder Notenbanken, hat auf lange Frist nur Einfluss auf Preise, Löhne und Wechselkurse, nicht jedoch auf die reale Wirtschaft. Die Volkswirtschaft spricht von der „Neutralität des Geldes“ und meint damit, dass Änderungen der Geldmenge allein keinen Einfluss auf realwirtschaftliche Grössen wie Konsum oder Beschäftigung haben. Kurzfristig aber war das mittelalterliche Schwundgeld durchaus ein Erfolg: Der Konsum kam in Schwung, und die Wirtschaft blühte auf.

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Titelbild: By various, via Wikimedia Commons

 

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