Das Storytelling der Finanzmärkte

Das Storytelling der Finanzmärkte 

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Die Finanzmärkte werden von unzähligen Faktoren beeinflusst. Unsere Kenntnis über diese bleibt unvollständig: Einerseits wissen wir nicht, wie stark und in welcher Kausalkette solche Faktoren eine Rolle spielen, andererseits sind uns sehr wahrscheinlich nicht alle Faktoren bekannt. Das heisst, es gibt sogenanntes «unknown unknown» – unbekanntes Unwissen.

Trotz der schwierigen Ausgangslage suchen Finanzmarktteilnehmer ständig nach Erklärungen für die Entwicklungen an den Märkten. Das ist verständlich: Nimmt der Mensch doch an, die ganze Welt lasse sich erklären. Doch bringen uns diese Erklärungen wirklich der Wahrheit näher? Oder sind sie nicht einfach Geschichten, mit denen wir uns über die vielen unbekannten Wissenslücken hinweghelfen?

Don’t worry – tell a Story

Aufgrund der beschränkten Kenntnis über die relevanten Faktoren, die unsere Finanzmärkte beeinflussen, behelfen wir uns oft mit «nachvollziehbaren Geschichten», um Erklärungen zu formulieren. Unabhängig davon, ob die richtigen Zusammenhänge erfasst wurden, soll die Erklärung intuitiv stimmig sein. Dafür kommen verschiedene – rhetorische – Elemente zum Einsatz. Drei Beispiele:

  • Die Verwendung von Fachjargon: Fachbegriffe suggerieren Kompetenz, als Grundlage jedes Erklärungsversuchs. Idealer Weise sind sie es – doch manchmal klaffen Schein und Wirklichkeit auch auseinander.
  • Die Anwendung von intuitiven Erklärungsmodellen, die man als bewährt und korrekt betrachtet: Erwähnt jemand zum Beispiel in seiner Argumentationskette, dass «steigende Ölpreise zu höheren Inflationsraten geführt haben», klingt das für die meisten Menschen nach einer logischen und korrekten Aussage. Ob die Inflation jedoch auch durch andere, wichtigere Faktoren beeinflusst wurde, wird in diesem Fall gar nicht hinterfragt.
    Ein weiteres Beispiel: Nach der Finanzkrise wurden die Interventionen der Zentralbanken häufig für alle möglichen Ereignisse an den Finanzmärkten verantwortlich gemacht. Die Zentralbanken nehmen gewiss grossen und direkten Einfluss auf die Märkte, aber manche Marktbeobachter und -kommentatoren machen es sich einfach und bedienen sich dieses «Faktors», weil sie keine bessere Erklärung finden.
  • Die Suche nach Parallelen zu früheren (historischen) Ereignissen, um sich auf bekannte Entwicklungsmuster zu beziehen, obwohl die aktuelle Situation vielleicht eine ganz andere ist: Im Frühling 2011 waren Politiker, Zentralbanken und internationale Finanzinstitutionen besorgt, dass Griechenland wieder ein Fall à la «Lehman Brothers» werden könnte. Sie haben sich dafür eingesetzt, dass der Internationale Währungsfonds (IMF) Griechenland direkt unterstützt. Normalerweise greift der IMF in solchen Krisensituation allerdings erst später ein, wenn alle anderen Lösungsversuche gescheitert sind. War die Erklärung «Griechenland = Lehman Brothers» korrekt oder lediglich intuitiv nachvollzierbar?

Der Geschichte zu glauben, heisst nicht gleich Wissen

Mithilfe etwas «Storytelling» ist eine Erklärung für bestimmte Marktentwicklungen manchmal rasch gefunden – auch wenn höchst wahrscheinlich gewisse beeinflussende Faktoren überhaupt nicht berücksichtigt wurden. Abgesehen von diesen ausser Acht gelassenen Faktoren stellt sich dann auch die Frage, ob es wirklich möglich ist, aus den Erklärungen vergangener Ereignisse Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Die Erklärungen in der Finanzwelt entstehen oft «ad-hoc» und können – wenn überhaupt – nur begrenzt für weitere Situationen verwendet werden. Oft müssen je nach Marktsituation immer wieder neue Erklärungen gesucht werden.

Erklärungen in der Finanzwelt haben zwar den Anspruch, wissenschaftlichen Charakter zu haben, ihre Struktur ist jedoch grundlegend anders. Über die Elemente des Storytellings in jeder Erklärung sollten sich Investoren, Kommentatoren, Geldmanager, usw. im Klaren sein. Nur so können sie vermeiden, der Versuchung einer scheinbar verständlichen Erklärung zu erliegen.

Leselinks:

  • Die Wissenschaftlerin Dreidre McCloskey hat sich mit solchen Erklärungsstrukturen befasst und ihren eher rhetorischen – als wissenschaftlichen – Charakter hervorgehoben (The Rethoric of Economic).
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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 15. Juli 2016 | Die Börsenblogger

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