Das Wall Street Journal – Pflichtlektüre für Anleger

Das Wall Street Journal – Pflichtlektüre für Anleger 

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Wie das «Leibblatt des Kapitalismus» dem Lockruf des Geldes erlag.

1882 gründeten Charles Henry Dow, Edward Davis Jones und Charles Milford Bergstresser eine Agentur für Finanznachrichten an der New Yorker Börse. Ihr sogenannter «Customers‘ Afternoon Letter» war der weltweit erste Börsenbrief und stiess von Beginn an auf grosse Nachfrage. Sieben Jahre später, am 8. Juli 1889, entstand aus diesem Börsenbrief eine Finanzzeitung, die als Einzelnummer zwei Cent und im Jahresabonnement fünf Dollar kostete. Die Publikation hiess nun «The Wall Street Journal» und hatte bereits über 50 Mitarbeiter.

1902 kaufte ein gewisser Clarence W. Barron das Wall Street Journal, verknüpfte dieses mit eigenen Publikationen in Boston und Philadelphia und machte daraus eine Tageszeitung mit getrennt produzierten Ausgaben für die Ost- und Westküste.

Seine grosse publizistische Bedeutung verdankt das Wall Street Journal dem langjährigen und legendären Chefredaktor Bernard Kilgore, der von 1941 bis 1967 im Amt war. Kilgore war der Visionär, der aus dem Wall Street Journal die bis heute bedeutendste überregionale Zeitung in den USA machte. Er begründete den Ruf des Journals, Nachrichten exklusiv zu melden und Fälle von Wirtschaftskriminalität aufzudecken. Heute ist das Wall Street Journal nebst der britischen Financial Times eine der beiden weltweit führenden Wirtschaftszeitungen. Mit Ablegern in Europa und Asien erreicht das Wall Street Journal 3.8 Millionen Leser. Das konservative und wirtschaftsliberale Blatt steht traditionell der republikanischen Partei nahe und ist Pflichtlektüre für Banker und Anleger.

Ausgerechnet diese Lieblingszeitung des Kapitalismus war über Jahrzehnte ein Symbol dafür, dass für Geld nicht alles zu kaufen ist. Die Familie Bancroft nämlich, die durch die Heirat einer Enkelin von Clarence W. Barron in den Besitz des Verlags und des Wall Street Journals gekommen war, wollte die Kontrolle über das Unternehmen trotz lukrativer Angebote auf keinen Fall abgeben. Legendär ist der Satz von Barrons Stiefenkelin Jessie Bancroft Cox: «Grossvaters Unternehmen ist nicht zu verkaufen – zu keiner Zeit und zu keinem Preis.» Diesem Credo blieb die Familie während über 100 Jahren treu. Als der Medienmogul Rupert Murdoch aber 2007 über fünf Milliarden Dollar für den Verlag und die Zeitung bot, war der Lockruf des Geldes für die mittlerweile zerstrittene Familie doch zu stark und sie verkaufte das Traditionsblatt.

Trotz vieler Befürchtungen hat das Wall Street Journal nach dem Verkauf seine publizistische Qualität nicht eingebüsst. Es hat redaktionelle Neuerungen eingeführt und sein veraltetes Layout aufgefrischt. Seit 2009 setzt die Zeitung, die jahrelang durch eine ausschliesslich schwarzweisse Gestaltung auffiel, auch Farbe und Fotos ein. Einer unverwechselbaren Spezialität ist sie aber bis heute treugeblieben: den sogenannten Hedcuts, also Porträts, die aus hunderten Punkten zusammengesetzt sind, ähnlich einem alten Holzstich. Diese machen das Journal auch heute noch unverwechselbar.

Link:

  • Wie ein typischer Wall Street Journal Hedcut entsteht: Video
Es gibt 3 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 3. Februar 2015 | Die Börsenblogger
  2. Pingback: #Webfundstücke - Freitag 5 vor 12 | IMMOVATION news_blog
  3. Patrick at 15:27

    Auch wenn ich mich in vielen Punkten den Lobungen des Autors anschließen möchte, im Bereich ihrer Website sind sie leider noch immer veraltet. Alles wirkt wie jeher überladen und unübersichtlich. Eine saubere Struktur würde hier klar gut tun.

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