Das Zeitreiseparadox: Zeit ist unbezahlbar

Das Zeitreiseparadox: Zeit ist unbezahlbar 

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Zeit und Geld sind oft in Zusammenhang gebracht worden. Benjamin Franklin formulierte die weltweit bekannte Redensart «Zeit ist Geld» (1748, «Ratschläge für junge Kaufleute»). Oliver Stone machte «Money never sleeps» zu einem ungeschriebenen Gesetz der Wallstreet (2010). Die Finanzwelt kennt darüber hinaus einen präzisen Zusammenhang zwischen Zeit und Geld: den Zinseszinseffekt.

Wendet man einen Zinssatz auf eine Geldmenge über einen längeren Zeitraum an, wächst diese Geldmenge exponentiell. Stellen wir uns vor: wir legen zum Beispiel einen Franken zu einem Zins von 3% an. Nach 500 Jahren werden draus rund 2.6 Mio. CHF. Albert Einstein soll diesen Effekt als das achte Weltwunder bezeichnet haben.

Auch den amerikanischen Autor Mack Reynolds (1917-1983) hat er beschäftigt. Der «Science-Fiction»-Schriftsteller liess den Zinseszinseffekt und die Möglichkeit von Zeitreisen in einer seiner Erzählungen zusammenspielen («Compounded Interest» – 1956). Die Geschichte kann man als ein finanzielles Argument gegen die Möglichkeit von Zeitreisen bezeichnen. Die Erzählung Reynolds setzt folgende zwei Annahmen voraus:

  • Zeitreisen sind nur dank einer ungeheuren Menge an Energie möglich. Für deren Kauf oder Produktion muss man über eine fast unbegrenzte finanzielle Stärke verfügen.
  • Ein fast unbegrenztes Vermögen kann man nur über Jahrhunderte kumulieren, wenn man immer wieder die richtigen Anlageentscheidungen trifft.

Immer richtige Anlageentscheidungen sind aber nur möglich, wenn man zurück in die Vergangenheit reisen könnte und so über die «zukünftigen» Entwicklungen bestens informiert wäre.

Wie Sie Zeitreisen finanzieren könnten – und warum Sie es nicht tun sollten

Der Protagonist der Erzählung – Mr. Smith – reist in die Vergangenheit, um die langfristige Kraft des Zinseszinseffektes durch die richtigen Anlageentscheidungen entfalten zu lassen. Der Anfang spielt sich im mittelalterlichen Venedig ab. Am Ende und nach unglaublichen Gewinnen und unzähligen Milliarden sehen wir Mr. Smith in New York, wo er sich für die Liquidation seines gigantischen Vermögens entscheidet, um eine Zeitreise zu finanzieren.

Reynolds suggeriert eine Art von Zirkularität: ein fast unbegrenztes Vermögen setzt Zeitreisen voraus. Andererseits sind Zeitreisen ohne ein solches Vermögen nicht realisierbar. Diese Zirkularität macht aber beides unmöglich: Der Reichtum, der durch Zeitreisen geschaffen wird, muss immer wieder aufs Neue für deren Finanzierung eingesetzt werden. Die Erzählung Reynolds stellt Zeitreisen demnach als ein ewig scheiterndes Selbstfinanzierungsprojekt dar.

Die eigentliche Lehre, die die wir aus dem Paradox von Reynolds ziehen sollten, ist jedoch nicht der Verzicht auf Zeitreisen. Familien, die ein Vermögen über Generationen verwalten dürfen, können mit weit weniger Risiko und Kapitaleinsatz die Kraft des Zinseszinseffekts für sich nutzen. Auch ohne das perfekte Wissen über die Auswirkungen von Anlageentscheidungen können wir gute Entscheidungen treffen, die sich über lange Zeit bezahlt machen und zu wunderbaren Renditen führen.

Der Gradmesser für unseren finanziellen Erfolg sollte nicht das Denkbare sein, so wie in Reynolds Erzählung, sondern das Machbare, das wir mit bestem Wissen und Gewissen und einem Anlagehorizont über Generationen hinweg erreichen können.

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  1. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 9. Okt 16 | Pipsologie

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