Der pragmatische Visionär

Der pragmatische Visionär 

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Es wirkt fast wie eine Tellerwäscherkarriere: Als Junge eines Postbeamten wurde Terence James „Jim“ O’Neill erst wegweisender Ökonom und später zum Baron O’Neill of Gatley ernannt – und ist damit auch Mitglied im House of Lords, dem Oberhaus des britischen Parlaments. Letzte Woche wurde O’Neill 60 Jahre alt.

Mit fünf Buchstaben ist überzeugend begründet, warum Jim O’Neill seinen festen Platz in der Geschichte der Ökonomie haben wird: BRICS. Er erkannte die Gemeinsamkeiten der vier aufstrebenden Volkswirtschaften Brasilien, Russland, Indien und der Volksrepublik China (später kam noch Südafrika dazu) und prognostizierte 2001 deren wirtschaftlichen Aufschwung. Das Eintreffen seiner Prognose und die Popularisierung des von ihm geprägten Akronyms trug ihn, damals Chief Economist bei der renommierten US-Investmentbank Goldman Sachs, noch weiter hinauf.

„Ich hatte auch ein Leben bevor BRICS“, sagt Jim O’Neill, dessen ursprüngliches interesse den Währungen galt, in einem Bloomberg-Interview schmunzelnd. Und wer möchte, kann Anzeichen des Erfolgs bereits in seiner Jugend sehen. Der in Gatley, einem Vorort von Manchester geborene spätere Ökonom besuchte die gleiche Schule wie Roger Byrne – Ende der Fünfzigerjahre Kapitän von Manchester United, das auch im Leben von Jim 0’Neill eine Rolle spielen wird – und die Gallagher-Brüder, die Gründer der Britpop-Band Oasis. Anders als diese, studierte er in Sheffield Ökonomie und Geographie – wo er keineswegs zu den Besten zählte, weil er sich mehr für Fussball interessierte, wie er im Interview anmerkt. Immerhin reichte es zum Doktortitel, den er 1982 an der University of Surrey erwarb.

Als er 1995 zu Goldman Sachs kam, wo er das BRICS-Konzept entwarf, hatte er mit der Marine Midland Bank, der Bank of Amerika und dem Schweizerischen Bankverein schon einige Bankstationen hinter sich. Mit den Begriffen „Next Eleven“ (elf Länder mit hoher Einwohnerzahl, denen Jim O’Neill einen ähnlichen wirtschaftlichen Aufschwung vorhersagte wie den BRICS-Staaten) und dem Aktronym MIST (Mexiko, Indonesien, Südkorea und Türkei) ritt er weiter auf der erfolgreichen Akronym-Welle. Der Erfolg trug ihn bis auf Regierungsebene: Unter Premierminister David Cameron wurde er 2014 Commercial Secretary to the Treasury, um Pläne für eine Dezentralisierung des britischen Regierungssystems zu entwickeln.

Mittlerweile hat sich die Begeisterung über die Emerging Markets deutlich abgekühlt und es wird diskutiert, ob das Konzept noch zukunftsfähig ist. Die Überlegung ist nach fast 20 Jahren sicher berechtigt. Dadurch droht Jim O’Neill, was er keinesfalls möchte: als Akronym-Erfinder in die Geschichte der Ökonomie eingehen.

Vielleicht hat er sich deshalb auf einem anderen Feld versucht: 2010 wollte er mit einer „Red Knights“ genannten Gruppe von vermögenden Manchester-United-Fans seine Lieblingsmannschaft übernehmen. Das ist ihm aber nicht gelungen. Und wir dürfen gespannt sein, ob sich der mehrfach ausgezeichnete Ökonom in der Politik, der Wirtschaft oder doch in der Welt des Sports weiter verwirklichen wird.

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Bild: By Foreign and Commonwealth Office (Review on Antimicrobial Resistance) CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

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