Der ungeliebte Geldautomat

Der ungeliebte Geldautomat 

5 (100%) 1 vote

Herrscht Ebbe im Portemonnaie, hilft der Bankautomat weiter, rund um die Uhr. 1939 war das geradezu visionär – eine Erfindung, von der die konservativen Banken partout nichts wissen wollten.

Luther George Simjian, 1905 als Sohn armenischer Eltern im Osmanischen Reich geboren, ist einer von Abertausenden Flüchtlingen. Im Zuge der türkischen Verbrechen an den Armeniern von seinen Eltern getrennt, kommt Simjian 1920 nach einer Odyssee über Beirut und Marseille endlich bei Verwandten in New Haven, Connecticut, unter. Simjians Traum ist es, Arzt zu werden. Tatsächlich schafft er es an die medizinische Fakultät der Universität Yale, doch nicht als Medizinstudent, sondern als Laborfotograf und, ab 1928, als Leiter der fotografischen Abteilung. Denn Simjian ist hoch begabt: Unter anderem entwickelt er einen Spezialprojektor für Mikroskopiefotos und ein Farbröntgengerät.

1939, Simjian ist längst Unternehmer und vermarktet neuartige Kameras und Spiegel, hat er seine wohl folgenreichste Idee: ein automatischer Bankschalter, für den er mehr als 20 Patente anmeldet und den er nach dem englischen Wort für „Kassierer“ „Automated Teller Machine“ nennt – tatsächlich heisst der Bankautomat auf Englisch bis heute „ATM“. Der Prototyp funktioniert tadellos, doch die konservativen Banken begegnen dem neuartigen Gerät mit grossem Argwohn. Es kostet Simjian viel Überredungskunst, und erst 1961 willigt die „City Bank of New York“ als erstes Bankhaus in einen Probebetrieb ein.

Simjians Entwicklung ist kein Auszahl-, sondern vielmehr ein Inkassoautomat, der säuberlich in Kuverts verpacktes Bargeld entgegennimmt. Vor allem aber ist er ein kompletter Fehlschlag. Tagsüber hat die Bank geöffnet, und die Kunden ziehen die Kassierer in Fleisch und Blut dem Geldautomaten vor; nur Nachtschwärmer können dem neuartigen Apparat etwas abgewinnen. Nach nur sechs Monaten wird das Testgerät sang- und klanglos wieder abgebaut. „Es sieht so aus, als ob ein paar Prostituierte und Glücksspieler, die nicht von Angesicht zu Angesicht mit Kassierern zu tun haben wollten, die einzigen Benutzer waren. Und die Bank sagt, es seien zu wenige, als dass sich die Sache lohne“, schreibt Simjian resigniert. Seine Maschine verschwindet in der Versenkung.

Es sind am Ende andere Unternehmer und andere Konstruktionen, die dem Bankautomaten zum Erfolg verhelfen: Am 27. Juni 1967 nimmt die Barclays Bank in einer ihrer Londoner Filialen ein neuartiges System in Betrieb. Das Gerät gibt Bargeld gegen Schecks, die zwecks Maschinenlesbarkeit und Fälschungssicherheit mit radioaktivem Kohlenstoff markiert sind. Zur selben Zeit entwickelt der US-Amerikaner Donald Wetzel (mit einem für damalige Verhältnisse geradezu atemberaubenden Budget von fünf Millionen Dollar) einen Automaten, der mit einer Zugangskarte und einem Geheimcode funktioniert. Immer noch sind die Banken zurückhaltend: 1981 gibt es in der gesamten Bundesrepublik erst 22 Automaten. Doch dann bricht sich die Idee Bahn: Nur drei Jahre später, 1984, geht in Deutschland bereits der tausendste Geldautomat in Betrieb. Weltweit sind es heute Millionen.

Erfinder Simjian ist, trotz seiner insgesamt über 200 Patente von Ultraschall bis Flugsimulator, weitgehend vergessen. Doch seine Vision von einem vollautomatischen Bankbeamten ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Leselink

 

Es gibt 1 Kommentar zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 18. Juli 2018 | marktEINBLICKE

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.