Die bittere Wahrheit hinter der süssen Schokolade

Die bittere Wahrheit hinter der süssen Schokolade 

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1906 erschienen zum ersten Mal Berichte über Sklavenarbeit auf Kakaobetrieben in Sao Tomé. Gemäss dem britischen Journalisten Henry Nevinson starben damals jährlich rund 20 Prozent der Arbeiter wegen der schlechten Arbeitsbedingungen. Vieles hat sich seither verändert, doch sklavereiähnliche Zustände gehören auch heute auf vielen Plantagen zum Alltag. Es wird Zeit, dass Investoren gegensteuern.

Die Tulane Universität in New Orleans schätzt, dass 2012 immer noch mehr als zwei Millionen Kinder in Ghana, der Elfenbeinküste, Kamerun, Sierra Leone, Nigeria und anderen benachbarten Staaten unter schlimmsten Bedingungen in der Kakaoindustrie arbeiteten – das, obwohl bereits 2001 das sogenannte Harkin-Engel-Protokoll verabschiedet wurde.

Ein Protokoll mit null Wirkung

Ein Bericht der United Nations Children Fund (UNICEF) aus dem Jahr 1998 über Kinder aus Mali und Burkina Faso, die von Kakaobauern in der Elfenbeinküste misshandelt und versklavt wurden, hat den US-Senator Tom Harkin und den US-Repräsentanten Elio Engel dazu veranlasst, mit der Kakaoindustrie das Harkin-Engel-Protokoll auszuhandeln. Verschiedene grosse Schokoladeproduzenten haben sich freiwillig verpflichtet, sich aktiv dafür einzusetzen, damit bis 2005 die schlimmste Form von Kinderarbeit und Versklavung von Erwachsenen in Westafrika beendet wird. Das Protokoll – ein Public-Private-Partnership zwischen der Kakaoindustrie, Schokoladeproduzenten, Kakaobauern und Nichtregierungsorganisationen – beinhaltet einen Sechs-Punkte-Plan. Um Punkt fünf des Protokolls umzusetzen, die Eliminierung der schlimmsten Formen von Kinderarbeit und die Einführung eines entsprechenden industrieweiten Zertifizierungsstandards, wurde 2002 zusätzlich die International Cocoa Initiative (ICI) gegründet. Bis 2005 gab es einige Verbesserungen, doch umgesetzt wurde das Harkin-Engel-Protokoll nicht.

2012 hat die EU der Umsetzung des Engel-Harkin-Protokolls mit einer Resolution neuen Anstoss gegeben. Immerhin zeigte dieser insofern Wirkung, als die grossen Schokoladeproduzenten wie beispielsweise Nestlé heute mit der Fair Labor Association zusammenarbeiten, die Kinderarbeit in der ganzen Lieferkette beenden möchte. Andere, neuere Initiativen wie beispielsweise Fairtrade, die Rainforest Alliance und die UTZ Zertifizierung haben die Situation jedoch nicht wirklich verbessert.

Es ist fraglich, ob das Harkin-Engel-Protokoll überhaupt einen positiven Effekt hatte. Offizielle Zahlen, wie viele Kinder in Kakaoplantagen arbeiten, wurden nie bekannt. Die Professoren der Tulane Universität kamen in ihrem Bericht zum Schluss, dass weder Kinderarbeit beendet werden konnte, noch ein industrieweiter Zertifizierungsstandard verfasst wurde. Weiter bemängelten sie die Intransparenz der westafrikanischen Länder und die hohe Korruption.

Wirkungsvollere Massnahmen

Um Kinderarbeit und die Versklavung von Arbeitern wirkungsvoll zu beenden, gehen solche Protokolle nicht weit genug. Es braucht die Bemühungen von Regierung, Kakaobauern und Industrie. Doch genau hier liegt ein grosses Problem: Die Schokoladeproduzenten fühlen sich nicht verpflichtet, Massnahmen zu ergreifen, um die Missstände zu beheben. Die Produzenten beziehen die Kakaobohnen nur über Mittelsmänner. Diese erhalten die Bohnen wiederum von den Kakaobetrieben, den Kleinbauern. Schokoladenproduzenten stellen selbst keine Kinder ein.

Schlagzeilen wie „sieben berühmte Marken, die mit Kindersklaven eure Schokolade herstellen“ machen das Leben der Schokoladenhersteller aber immer schwieriger. Denn ihre Aktionäre – sowohl Privatpersonen als auch institutionelle Anleger – machen Druck. Anleger von heute werden für Themen wie Kinderarbeit oder Sklaverei sensibler. Sie wollen wissen, wohin ihr Geld fliesst und erwarten zum Beispiel, dass sich Unternehmen an die UNO-Richtlinien zu Wirtschaft und Menschenrechten (Ruggie-Prinzipien) halten. Diese besagen, dass ein Unternehmen die Menschenrechte seiner eigenen Arbeiter und die der Partnerbetriebe zu respektieren hat.

Während die Investoren immer mehr auf Nachhaltigkeit bei der Geldanlage achten, nehmen auch die Kakaobauern die Sache selbst in die Hand.

In Peru, wo dieselben Probleme wie in Westafrika bestehen, haben sich 2016 zwei ehemalige Angestellte grosser Schokoladeproduzenten mit den Bauern im Tal Alto Huayabamba zusammengetan und die Kooperative Choba Choba gegründet. Die Kakaobauern sind Miteigentümer der Schokoladenmarke und haben so eine direkte Verbindung zum Konsumenten – Mittelsmänner und Produzenten werden ausgeschaltet. Die Bauern haben einen Mindestpreis für die Kakaobohnen festgelegt. Sie verdienen heute genug, um ihre Kinder in die Schule zu schicken und ihnen bessere Zukunftschancen zu ermöglichen.


Was wir tun können

Die LGT hat sich zur Einhaltung der zehn Prinzipien des UN Global Compact verpflichtet. Sie schliesst Unternehmen, die in Kinderarbeit involviert sind oder die Menschenrechte verletzen aus ihrem Investment-Universum aus. Zudem verlangt sie von ihren Lieferanten, dass sie die Prinzipien des UN Global Compact ebenfalls einhalten. Dies betrifft auch die Schokoladelieferanten der LGT.


 

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