Die Investmentindustrie, Kolumbus und Königin Isabella

Die Investmentindustrie, Kolumbus und Königin Isabella 

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Zu Beginn ein kleines Gedankenexperiment: Nehmen wir an, es stehen zwei Anlagestrategien zur Auswahl. Beide verfolgen einen ähnlichen Investmentansatz (zum Beispiel US Long-/Short-Equity-Strategien) und beide waren bislang ähnlich erfolgreich. Der einzige Unterschied: Die Erklärung der Strategie und die Begründung des Erfolgs:

  • Manager A erläutert seine Strategie und erklärt den Erfolg detailliert, nachvollzierbar und vollständig anhand empirischer Daten. Sowohl positive als auch negative Entwicklungen der vergangenen Monate werden anhand eines plausiblen Erklärungsmodells rekonstruiert. Der Manager vermittelt den Eindruck, dass er bis ins Detail weiss, welche Faktoren für die insgesamt positive Rendite verantwortlich sind. Er verspricht uns, dass er seine Strategie so fortführen wird.
  • Manager B erzählt uns von seinen Überzeugungen und Erfahrungen und seinem daraus resultierenden Investmentansatz. Er äussert uns gegenüber jedoch auch seine Bedenken. Er ist nicht ganz sicher, ob die positive Rendite wirklich nur auf die rationalen Faktoren zurückzuführen ist, die er für seine Erklärungen verwendet. Er gibt zu, dass seine Analysen nicht vollständig sind und dass ihm sicher auch Glück zum Erfolg verholfen hat. Er verspricht, dass er seine Strategie weiterverfolgt, er aber nicht weiss, ob sich sein Erfolg in Zukunft eins-zu-eins replizieren lässt.

Gefühlte Gewissheit als Kaufanreiz

Wen würden Sie für ein Investment auswählen: Manager A oder B? Ich wage eine Prognose: Die meisten Menschen – vielleicht sogar alle – würden ihr Geld Manager A anvertrauen. Denn wir suchen nach Gewissheit und nach rationalen Denkmustern, welche die Vergangenheit erklären und die Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen. Dass wir nicht vollständig verstehen, wie Rendite entsteht und auch Glück den Erfolg beeinflusst, scheint uns eine unakzeptable Schwäche jeder seriösen Investmentstrategie zu sein. Aber erst wenn wir erkennen, dass zum Beispiel bestimmte glückliche Umstände – die kaum wiederholbar sind – zum Erfolg beigetragen haben oder dass die gewohnten Faktoren die Renditeentwicklung doch nicht vollständig erklären, wird man sich der Komplexität des Umfeldes bewusst.

Komplexitätsmanagement oder die Vorzüge des Ungewissen

Nach meiner Einschätzung wird ein erhöhtes Bewusstsein für die Komplexität zu einer flexibleren Strategie führen, die sich besser an das sich ständig verändernde Umfeld anpasst. Man wird dadurch weniger dogmatisch an einigen Grundsätzen, etwa dem eigenen Erklärungsmodell, festhalten und neue Risiken schneller erkennen.

Die überzeugenden Erklärungen des Managers A können den zukünftigen Erfolg seiner Strategie nicht garantieren. Sie lassen sich aber besser verkaufen als die Skepsis des – gleich erfolgreichen – Managers B. In der Investmentindustrie sind Manager des Typs B deshalb kaum vertreten. Investoren fühlen sich besonders vom Modell Manager A angezogen.

Die Investmentindustrie sollte sich meiner Meinung nach jedoch ein wenig vom Wahn nach Gewissheit, Erklärungen und zuverlässigen Prognosen verabschieden und eine „gesündere“ Risikohaltung einnehmen. „Gesünder“ im Sinne von: Nicht alles muss im Vornhinein klar sein und erklärt werden können, auch Unwägbarkeiten und unerklärte Faktoren dürfen eine Rolle spielen.

Unternehmer oder auch Initiatoren grosser Projekte sind in diesem Sinne vermutlich risikofreudiger als einige Finanzinvestoren. Der Schweizer Bundesrat Willi Ritschard formulierte dies in einer Debatte über die Gotthardbasislinie 1974 folgendermassen: «Wenn 1502 die Königin Isabella von Christoph Kolumbus eine Kosten-Nutzen-Analyse verlangt hätte, wäre wahrscheinlich Amerika nie entdeckt worden.» Vielleicht sollten auch Finanzinvestoren ein gewisses Mass an Skepsis gegenüber der völligen Rationalisierung zulassen, damit auch für sie die Entdeckung Amerikas möglich bleibt.

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 3. Juni 2016 | Die Börsenblogger

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