Die Kapitulation der Bären 

Fast fünf Jahre sind seit Beginn der Hausse vergangen und das letzte Börsenjahr war ein besonders gutes. In den USA haben Aktien neue historische Höchststände erklommen, im Euroraum gab es ausgerechnet bei griechischen Staatsanleihen ein Kursfeuerwerk wie bei Internet-Aktien in Zeiten der Dotcom-Blase und in Japan verbuchte der Nikkei 225 die stärkste Rallye seit 1972 – als das Land noch als unaufhaltsam aufstrebende Wirtschaftsmacht galt.

So sind zur Jahreswende angeblich selbst namhafte Skeptiker endlich «gekippt». Dazu gehören dem Vernehmen nach der als «Dr. Doom» bekannte Ökonom Nouriel Roubini, der schottische Fondsmanager Hugh Hendry und der kanadische Stratege David Rosenberg. Ein Kollege, der kürzlich an einer internationalen Investorenkonferenz teilnahm, berichtete von einem ausgesprochen positiven Konsens der Anlageprofis. Die «Neue Zürcher Zeitung» sprach am 30. Dezember 2013 von der «grossen Kapitulation der Bären».

Sollte dies stimmen, dann dürfte die letzte Phase der Hausse eröffnet worden sein. Das wäre wohl die «schlechte Nachricht» – denn profitabler wäre der Ausblick, wenn wir noch am Tiefpunkt der Baisse stünden, wo alles noch grottenschwarz schlecht aussieht. Die «gute Nachricht» lautet aber, dass auch diese Phase sehr lange anhalten und hohe Kursgewinne bescheren kann. Die «Kapitulation» wirkt nämlich wie ein Dammbruch, der lange angestaute und zurückgehaltene Gelder mit Wucht in die Aktienmärkte fliessen lässt.

An überschüssiger Liquidität im Finanzsystem mangelt es dank jahrelanger «quantitativer Lockerung» («QE») schliesslich wahrhaftig nicht – abgesehen davon ist «QE» trotz des jüngsten «Tapering» in den USA auf globaler Ebene noch lange nicht vorbei. Die Bank of Japan gibt immer noch «Vollgas» und die Europäische Zentralbank, Hausherrin des zweitgrössten Wirtschaftsraums der Welt, wartet in der Reserve auf den Zeitpunkt, an dem auch sie gegebenenfalls wieder einschreiten muss. Die Kreditvergabe an «normale» Unternehmen und Konsumenten ist in den alten Industrieländern zudem immer noch nicht wirklich angesprungen – wenn es aber soweit ist, dann kommt auch die reale Wirtschaft stärker in Bewegung, was die Börsen zusätzlich eine gute Weile in Trab halten kann.

Wir kennen natürlich weder alle «Bären» dieser Welt, noch können wir ihre innere Einstellung und Marktpositionierung überprüfen. Wir wissen aber, dass zu Beginn der Schlussphase einer Hausse die ersten meinungsführenden «Bären» das Lager wechseln, während diese Spezies am Ende eines Booms beinahe wie vom «Aussterben bedroht» wirkt.

Dann werden neue und allgemein unbestrittene Gegenwarts- und Zukunftsvisionen stärker im Vordergrund stehen. Die Welt wird nicht sachlich-reserviert über mögliche Entwicklungen spekulieren, sondern mit grosser innerer Überzeugung eine neue Realität beschreiben. Für den Anleger ist natürlich nicht der Wahrheitsgehalt solcher Visionen von ausschlaggebender Bedeutung, sondern die allgemeine Stimmung – zwecks Standortsbestimmung im Börsenzyklus.

Vielleicht werden wir eines Tages von der «Renaissance der alten Industrieländer» sprechen und die Medien so oft vom «Wirtschaftswunder am Mittelmeer» berichten, dass wir das nicht als gewagte Fantasie gewiefter Hedgefonds-Manager, sondern als gelebte Realität empfinden. Vielleicht wird dann selbst die Deutsche Bundesbank die «quantitativen Lockerung» nicht als eine moralisch fragwürdige Notmassnahme mit gefährlichen Nebenwirkungen betrachten, sondern als ein praktisches wirtschaftspolitisches Instrument zur Konjunkturstimulation. Vielleicht hat bis dahin eine Investmentbank auch ein neues, schlagzeilenfähiges Marketingkürzel erfunden, für die einst Totgesagten, die bekanntlich länger leben. Noch sind wir aber wahrscheinlich nicht so weit.

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