Die Relativität der Liquidität 

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Die Liquidität eines Portfolios definiert, wie schnell Investoren aus einer Anlage aussteigen und über das angelegte Geld wieder frei verfügen können. Diese zeitkritische Grösse besteht aus zwei Komponenten: der Frequenz der Ausstiegsmöglichkeit (z.B. täglich, wöchentlich, monatlich, vierteljährlich, etc.) und der Frist, innerhalb welcher man die Ausstiegsabsicht kommunizieren soll. So betrachtet, scheint die Liquidität ein klarer definierter Begriff zu sein, welcher eine Portfolio-Eigenschaft darstellt. Analysiert man diese Definition allerdings näher, erkennt man, dass sie keineswegs einen absoluten, sondern einen relativen Charakter hat.

Dazu betrachten wir die Liquidität aus zwei Perspektiven: einerseits aus der Sicht eines Investors, andererseits mit den Augen eines Portfolio-Managers.

Wann kann ein Investor wieder über sein Geld verfügen?

Die Liquidität eines Portfolios (Frequenz/Frist) sagt noch nichts über die Zeit aus, die verstreicht, bis ein Investor wieder über sein Geld verfügen kann. Diese Wartezeit hängt nämlich zusätzlich vom Zeitpunkt ab, zu dem er seine Geld-Rückforderung mitteilt.

Schauen wir uns das näher an, indem wir das Beispiel eines Portfolios mit Liquidität «Monatlich/32 Tage (Frequenz/Frist)» nehmen:

  • Fall 1: der Investor teilt am 1. Tag des Monats M mit, dass er aus dem Portfolio aussteigen möchte. Wegen der 32 Tage-Frist kann der Investor nicht am Ende des Monats M das Geld zurückerhalten, sondern erst am Ende des Monats M+1. Daraus resultiert eine Wartezeit von 2 Monaten.
  • Fall 2: der Investor teilt am 26. Tag des Monats M-1 mit, dass er aus dem Portfolio aussteigen möchte. Die Frist ist in diesem Fall eingehalten und der Investor erhält sein Geld am Ende des Monats M zurück. Die Wartezeit beträgt 34 Tage.

Obwohl die Liquidität als eine Portfolio-Eigenschaft angesehen wird, hängt die Wartezeit eines Investors – sozusagen die Investor-Liquidität – auch von der Zeiteinteilung seiner Entscheidung ab.

Was muss ein Portfolio-Manager beachten?

Ein Portfolio besteht aus mehreren Positionen, welche jeweils eine bestimmte Liquidität aufweisen. Nur selten ist die Liquidität jeder Position gleich. Verschiedene Strategien oder verschiedene Ansätze innerhalb derselben Strategie haben also eine unterschiedliche Liquidität. Aus der Perspektive eines Portfolio-Managers hat das Portfolio daher keine eindeutige Liquidität – z.B. Monatlich/32 Tage – sondern es hat ein Liquiditätsprofil, das sich aus den Liquiditätsbedingungen einzelner Positionen ergibt.

In diesem Sinne, aggregiert ein Portfolio Manager alle Positionen mit der gleichen Liquidität und bewertet das gesamte Liquiditätsprofil zum Beispiel wie folgt: 40 Prozent des Portfolios lassen sich monatlich mit 32 Tage Frist zurückbezahlen, 20 Prozent des Portfolio lassen sich quartalsweise mit 65 Tage Frist zurückbezahlen, etc. In den Augen eines Portfolio-Managers ist die Liquidität eines Portfolios somit nicht etwas Absolutes, sondern sie hängt von den Positionen ab, welche im Portfolio vorhanden sind.

Die Liquidität eines Portfolios ist somit keine absolute Eigenschaft wie zum Beispiel die Farbe eines Objektes. Sie ist vielmehr eine Vereinbarung zwischen dem Investment-Manager und dem Anleger .

  • Es ist die Aufgabe eines Investors, die Frequenz und die Frist zu berücksichtigen, wenn er sein Geld zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückzubekommen möchte.
  • Es ist die Aufgabe eines Portfolio-Managers, Positionen im Portfolio zu haben, welche mehrheitlich die gleiche oder eine bessere Liquidität aufweisen als die des Gesamt-Portfolios.

Nur so können die Liquiditäts-Vereinbarungen eingehalten werden. Achten Sie als Anleger also darauf, dass der Portfolio-Manager seine Aufgabe erfüllt, sonst ist die Vereinbarung gefährdet und die Liquidität ist nicht wie versprochen vorhanden. Das wäre dann so als würde man plötzlich erfahren, dass ein Objekt doch nicht blau ist, sondern rot. Die Liquidität ist eben nicht absolut, sondern relativ.

Lesetipps:

Mein Geld: Das magische Dreieck im Portfoliomanagement: Rendite – Risiko – Liquidität

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