Die tägliche Suche nach der Steckdose

Die tägliche Suche nach der Steckdose 

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Wie lange halten Sie es ohne Ihr Mobiltelefon aus? Fünf Minuten, eine Stunde oder gar ein ganzes Wochenende? Egal wie lange (oder kurz) die Abstinenz anhalten mag, unsere Reaktion auf das rote Blinken der Batterieanzeige ist in den meisten Fälle die gleiche: von leichter Nervosität bis mittelschwerer Panik begleitet, sucht der Blick nach der nächsten Steckdose.

Erst wenn das Mobiltelefon am Ladegerät hängt, an der Stromquelle saugt, und mit grünem Licht ein Lebenszeichen gibt, atmen wir auf. Puh, noch einmal gut gegangen.

Ich hätte Sie auch fragen können: Wie lange halten Sie es ohne Strom aus?  Eine Frage, die bei uns in der industrialisierten Welt so realitätsfern erscheint, wie sie in vielen Entwicklungsländern zum Alltag gehört. In Afrika beispielsweise, südlich der Sahara, leben 70 Prozent der Bevölkerung weit weg vom Stromnetz als Kleinbauern in ländlichen Gebieten. Das sind über 600 Millionen Menschen, die Strom vor allem zum Laden ihrer Mobiltelefone benötigen. Denn: Mobiltelefone stellen für diese Menschen oft die einzige Informationsquelle dar, die Zugang zu medizinischer Behandlung oder Wettervorhersagen sowie Geldtransfers ermöglicht.

Mobiles Wirtschaftswunder

Wie wichtig Mobiltelefone in Afrika für das Wirtschaftswachstum sind, zeigt die Studie The Transformational Use of Information and Communication Technologies in Africa, die die Weltbank zusammen mit der Afrikanischen Entwicklungsbank erstellt hat. Die Zahl der genutzten Mobiltelefone stieg von 16,5 Millionen im Jahr 2000 auf 650 Millionen im Jahr 2012 an. Das sind mehr als in Europa oder in den USA. Der rasante Anstieg verdeutlicht einerseits die Wichtigkeit der Mobiltelefone; andererseits weist er auf die entscheidende Voraussetzung hin, damit die Wirtschaftskraft der Mobiltechnologie überhaupt bei der ländlichen, in Armut lebenden Bevölkerung ankommt: der Zugang zu Strom, der erschwinglich und zuverlässig verfügbar ist.

Solarstrom: bezahlbar und zuverlässig

M-KOPA Solar heisst eine der Portfolio-Organisationen von LGT Venture Philanthropy, die für einkommensschwache Familien in Ostafrika eine Haus-Solaranlage entwickelt hat, die genug Energie produziert, um das Haus zu beleuchten, Mobiltelefone zu laden und andere Haushaltsgeräte zu betreiben. Die Solaranlage zahlen die Familien über ihr Mobiltelefon in Raten ab, die der Summe entspricht, die sie sonst für ihren täglichen Kerosinbedarf ausgegeben hätten. Ist die Anlage abbezahlt, gehört das Gerät der Familie, die sich nun ihren Strombedarf für mehrere Jahre sichern kann – autark und zuverlässig. M-KOPA hat bisher über 70 000 kenianische Haushalte mit der Solaranlage versorgt; jede Woche kommen 1 000 weitere hinzu.

Vereinte Kräfte für Stromversorgung in Afrika

„Beyond the Grid“ nennt sich eine im Juni lancierte Gruppe der „Power-Africa“-Initiative von US-Präsident Barack Obama, die genau jene netzfernen Menschen mit Strom versorgt wissen will. LGT Venture Philanthropy ist eine der insgesamt 27 Partner-Organisationen aus dem privaten Sektor, die Präsident Obamas Mandat umsetzen. In den nächsten fünf Jahren wird die „Beyond-the-Grid“-Gruppe eine Milliarde US-Dollar in innovative Lösungsansätze von Unternehmen wie M-KOPA investieren, um 20 Millionen neue Stromanschlüsse für Haushalte und Gewerbebetriebe in Subsahara-Afrika zu schaffen. Die Gruppe erreicht dies, indem sie die Effektivität der lokalen Unternehmen steigert, durch Finanzierungslösungen und durch Knowhow-Transfers, bespielsweise im Rahmen des ICats-Programms von LGT Venture Philanthropy. Sie bieten interessierten Co-Investoren, die von einem verminderten Risikoprofil und flexiblen Finanzmodellen (Mischung aus Spenden-, Darlehen- und Eigenkapitalfinanzierung) profitieren wollen, auch eine alternative Anlageoption.

Ein Licht geht auf

Angesichts der Grössenordnung von Milliarden von Menschen weltweit, die keinen zuverlässigen Zugang zu Strom haben, mag die Arbeit von „Beyond-the-Grid“ eine zu geringe Schlagkraft darstellen. Mir erscheint diese Form der Zusammenarbeit wie ein „kollektives Lichteraufgehen“, da Staat und Wirtschaft – über nationale wie kulturelle Barrieren hinweg – einen bleibenden gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, indem sie sich an den richtigen Stellen treffen und ihre Stärken wirkungsvoll hebeln: Staatliche Gestaltungskraft, lokale Unternehmen mit innovativen Lösungsansätzen, Finanzmittel aus verschiedenen Quellen, Erfahrungsschatz der Praktiker vor Ort. Die Chancen stehen gut, dass in den kommenden Jahren in Afrika und den anderen Entwicklungsregionen der Zugang zu Elektrizität nicht mehr zu den täglichen Sorgen gehört. Apropos. Wie lange halten Sie es nochmal ohne Strom aus?

Bild oben: Nathaniel und Grace Kimani Mai Mahiu wohnen in einem der über 70 000 kenianische Haushalte, die dank M-KOPA Strom aus einer eigenen Solaranlage beziehen. Bild: K. Holmber

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