Die unsichtbare Hand und die Magie des Marktes

Die unsichtbare Hand und die Magie des Marktes 

Der Mensch ist des Menschen Wolf, sagt ein geflügeltes Wort. Daran kann man verzweifeln – oder die Gedanken des englischen Ökonomen und Moraltheoretikers Adam Smith über die „unsichtbare Hand“ lesen.

Beginnen wir mit dem Sichtbaren, dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld, in dem Adam Smith seine Ideen entwickelte: Das England des ausgehenden 18. Jahrhunderts war ein Pionier der Industrialisierung. Blühender Handel, wachsende Fabriken und bahnbrechende Erfindungen schufen neuen Wohlstand, aber auch neue Armut. Diese Gegensätze prägten Adam Smith, der zu dieser Zeit Logik, Ökonomie und Moralphilosophie an der Universität von Glasgow lehrte.

In seinem ökonomischen Hauptwerk, Der Wohlstand der Nationen, entwickelt Adam Smith einen gedanklichen Ausweg aus dem immer schärferen gesellschaftlichen Dilemma zwischen dem wirtschaftlichem Egoismus des Einzelnen und dem Gemeinwohl aller: Wenn der vernünftige Egoist seinen Gewinn kontinuierlich steigert, handelt er laut Smith im Interesse der Gesellschaft, weil er allgemeines Wachstum schafft, Standards hebt, Fortschritt auslöst und so auch anderen neue Möglichkeiten erschliesst. Adam Smith sieht sogar eine gewisse Überlegenheit dieses gesunden Egoismus, der der Gesellschaft mehr nutze, als ein Altruismus, der die produktive Kraft des Einzelnen hemmt. Der rationale Egoist  wird in Smith’s Worten „von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat“. Die Unsichtbare Hand schafft also indirekt Wohlstand für alle, wenn auch nicht für alle gleich.

Aus dem Konzept der unsichtbaren Hand entstand die Vorstellung des Marktes als ein System, dass sich quasi automatisch auf einem gesunden inneren Gleichgewicht einpendelt und letztlich allen nützt. Die Idee der unsichtbaren Hand machte den freien Markt zu einem effektiven Instrument des Gemeinwohls – und ihren Schöpfer letztlich zum Begründer der modernen Nationalökonomie.

Ein kleiner Konjunktiv trübt allerdings die Strahlkraft von Smith’s Theorie: Sie funktioniert nur, wenn Menschen tatsächlich rational handeln. Andernfalls versagt auch der Markt. Adam Smith lieferte selbst ein prägnantes Beispiel für die Irrationalität des Alltags: Als Professor der Ökonomie forderte er den freien Markt als Leitbild der wirtschaftlichen Vernunft. Wenige Jahre später wandelte er sich zu einem rigorosen Befürworter von Schutzzöllen, nachdem er zum schottischen Zollkommissar ernannt worden war. Manchmal ist wirtschaftliche Vernunft also einfach, was man daraus macht.

Leselinks: 

  • Mark Dittli reflektiert auf dem Blog NeverMindTheMarkets Smiths Rationalitätsannahme und deren Scheitern in spieltehoretischen Experimenten (30.03.2014): Der andere Adam Smith
  • Die Wochenzeitung Die Zeit beschreibt die Deutungen von Adam Smith’s Werk und den Streit der Fakultäten um die Deutungshoheit (27.08.2013): Auf der Suche nach Adam Smith
  • Prof. Roland Vaupel beschäftigt sich in der NZZ mit dem Kerngedanken von Adam Smith (22.02.2013): Profitstreben als beste Unternehmensethik
 
Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
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