Die US-Notenbank rüstet sich für die nächste Dekade

Die US-Notenbank rüstet sich für die nächste Dekade 

Die US-Notenbank (Fed) passt ihre geldpolitische Strategie an: Sie eröffnet sich mehr Spielraum bei der Steuerung der Inflation und rückt den Arbeitsmarkt in den Fokus der Geldpolitik. An den Finanzmärkten schürt das Erwartungen, dass die Zinsen noch für geraume Zeit auf rekordniedrigem Niveau verharren werden.

US-Notenbankchef Jerome Powell hat eine neue Ära in der amerikanischen Geldpolitik eingeläutet. «Weil sich das wirtschaftliche Umfeld ständig verändert, muss die Notenbank die Strategie immer wieder anpassen, um die geldpolitischen Ziele zu erreichen und auf neue Herausforderungen zu reagieren», erklärte Powell am vergangenen Donnerstag am Symposium von Jackson Hole, wo sich alljährlich die Elite der Zentralbanker trifft, um über die Zukunft der Geldpolitik zu beraten. Anders als in den Vorjahren fand das Treffen diesmal nicht vor der Kulisse der Rocky Mountains im US-Bundesstaat Wyoming statt, sondern wurde vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie virtuell abgehalten.

Kurswechsel bei Inflationsziel ermöglicht Flexibilität

Powell nutzte die Plattform, um den Kurswechsel anzukündigen, den die Währungshüter nach mehrmonatiger Evaluierung der geldpolitischen Strategie einstimmig beschlossen haben. So rückt die US-Notenbank von ihrer bisherigen Linie ab, eine Jahresteuerung von knapp unter 2% anzustreben (Inflation Targeting). Diese Zielgrösse hatte sie seit 2012 im Visier, um eine stabile Preisentwicklung sicherzustellen und damit ihr duales Mandat zu erfüllen – Preisstabilität und Vollbeschäftigung. Zukünftig steuert das Fed die Teuerung nicht mehr auf jährlicher Basis, sondern betrachtet die Entwicklung über eine längere Phase. Dazu peilt es neu ein Inflationsziel von durchschnittlich knapp unter 2% über einen längeren Zeitraum an (Average Inflation Targeting).

Konkret bedeutet das: Verharrt die Inflation hartnäckig deutlich unter dem angestrebten Niveau von 2% – wie es in den Jahren seit der Finanzkrise mehrheitlich der Fall ist –, kann das Fed unter dem neuen Regime einen Anstieg der Teuerung über den Zielwert tolerieren, ohne die Leitzinsen anheben zu müssen. Das war bislang anders: Bei einem starken Preisanstieg war die Notenbank gezwungen zu reagieren und die Teuerung durch eine restriktivere Geldpolitik einzudämmen. Nun eröffnen sich die Währungshüter durch die Rahmenbedingungen deutlich mehr Flexibilität: Weder folgen sie bei der Berechnung der durchschnittlichen Inflationsrate einer mathematischen Formel, noch haben sie den Zeitraum für ein potenzielles «Überschiessen» der Teuerung begrenzt.

Vollbeschäftigung wird priorisiert

Mit der Anpassung der Strategie ebnet das Fed den Weg, um die Zinsen für unbestimmte Zeit niedrig zu halten. Zugleich zielt die Notenbank darauf ab, die Inflationserwartungen der Marktteilnehmer bei rund 2% zu verankern – dies ist zentral, um die Glaubwürdigkeit der Notenbankpolitik sicherzustellen. In seiner Rede hat Powell die Schattenseiten eines «Unterschiessens» der Teuerung hervorgehoben. «Bewegt sich die Inflation beharrlich unter dem gewünschten Niveau, kann das schwerwiegende Risiken für die Wirtschaft haben», sagte er. Denn die Entwicklung birgt die Gefahr, dass eine Abwärtsspirale ausgelöst wird, bei der die langfristigen Inflationserwartungen stetig sinken und die Nominalzinsen mit nach unten ziehen. Der Handlungsspielraum für die Zinspolitik, die sich ohnehin schon nahe der Nullgrenze bewegt, würde unter diesem Szenario weiter schrumpfen.

Die Flexibilität bei der Steuerung der Inflation erlaubt es der Notenbank, den Fokus stärker auf den Arbeitsmarkt zu richten, den zweiten Pfeiler ihres Mandats. So hat Powell in seiner Rede wiederholt hervorgehoben, wie wichtig Vollbeschäftigung für den Wohlstand der Bevölkerung sei, und zwar insbesondere für Arbeitnehmer mit geringem Einkommen. Die Beurteilung, ob und in welchem Ausmass eine Lücke zur Vollbeschäftigung («shortfalls of employment») besteht, soll daher eine zentrale Steuergrösse der zukünftigen Geldpolitik sein. Dass die Entwicklung am Arbeitsmarkt zukünftig prioritär behandelt wird, bestätigte diese Woche Fed-Vize Richard Clarida. «Eine niedrige Arbeitslosenquote allein wird unter der neuen Strategie nicht ausreichen, um eine Zinserhöhung zu rechtfertigen», erklärte er in einer Rede am Peterson Institute for International Economics.

Offene Fragen bei der Umsetzung

Wie das Fed die neue Strategie umsetzen will und ob es gelingen wird, die Inflationserwartungen anzufachen, bleibt allerdings unklar. Powell machte dazu bei seinem Auftritt keine Angaben. Clarida zeigte sich ebenfalls zurückhaltend. Das Fed-Gremium erachte negative Zinsen nicht als attraktive Massnahme, um die Teuerung anzukurbeln, erklärte er. Auch das Instrument der Zinskurvenkontrolle (Yield Curve Control) werde derzeit nicht diskutiert und sei nur dann eine Option, wenn sich das Wirtschaftsumfeld markant verändere. In den Fokus rückt daher das nächste Zinstreffen der US-Notenbank, das am 15. und 16. September stattfindet, und von dem sich Anleger mehr Aufschluss über die Implementierung des angepassten geldpolitischen Kurses versprechen.

An den Aktienmärkten dürfte die Aussicht auf langfristig ultraniedrige Zinsen derweil für Rückenwind sorgen, während der Druck auf den US-Dollar steigt. So schloss der S&P 500 am 28. August, dem Tag nach Powell’s Auftritt am Symposium, auf einem neuen Rekordwert von 3508.01 Punkten – im August hat das Blue-Chip-Barometer damit 7% gewonnen und verzeichnet den grössten Kurssprung im Monat August seit den Achtzigerjahren.

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