Die «Warum» Frage in der Finanzwelt 

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«Unsere Idee der Welt ist die Idee einer verständlichen Welt. Es ist die Idee einer Welt, in der wir verstehen können, warum etwas geschieht. Zwar gibt es darin vieles, was wir nicht verstehen, und vermutlich wird das immer so bleiben. Trotzdem, denken wir, ist die Welt eine Gesamtheit von Phänomenen, in die wir Licht bringen können, indem wir uns erklären, warum die Phänomene so sind, wie sie sind. Selbst wenn dieser Gedanke eine Täuschung wäre: Anders können wir über die Welt nicht denken» (Peter Bieri, Das Handwerk der Freiheit)

Die Suche nach Erklärungen ist die zentrale Aufgabe der Wissenschaft und der Philosophie. Wie sieht es aus, wenn man in der Finanzwelt, die immerhin ein Teil der zu erklärenden Welt ist, nach Erklärungen sucht? Es ist interessant, wenn man auf einige Unterschiede mit der Naturwissenschaft und der Philosophie eingeht, die in der Suche nach Erklärungen bestehen:

1) Asymmetrie der Bedürfnisse

Im Anlagegeschäft scheint es, dass der Bedarf nach einer Erklärung grösser ist, wenn eine Investition zu einem Geldverlust geführt hat als wenn sie erfolgreich gewesen ist. Das lässt sich zum Beispiel an der Anzahl und Art der Fragen der Investoren messen: je schlechter das Ergebnis, desto intensiver und schärfer fragt der Investor «Warum». Andererseits, wenn Geld verdient wird, fühlt man sich auf der «richtigen» Seite und sieht sich weniger in der Pflicht, genau zu verstehen, warum die Investition erfolgreich war. Das ist als ob ein Meteorologe sich nur bemühen würde, Phänomene wie Regen und Hagel zu erklären, während er die Schönwetterlage (wolkenloser Himmel, angenehmen Temperaturen, usw.) unerforscht liesse. Aber auch für den Anleger, der zum Beispiel in Fonds investiert, ist es entscheidend zu verstehen, wieso ein Manager erfolgreich ist, woher die positiven Renditen kommen, etc. Es ist zentral, dass man die Erfolge eines Managers auf seine Fertigkeiten und Qualitäten und nicht nur auf Glück und Zufall zurückführen kann. Nur dann kann man die Spreu vom Weizen trennen und die Managern identifizieren, die qualitativ hochstehend sind.

2) Fata Morgana

Wenn man sich auf die Suche nach einer Erklärung für einen Investitionserfolg oder Misserfolg begibt, endet die Suche oftmals nur mit der Illusion, eine Erklärung gefunden zu haben. Einige Beispiele dafür:

«Die Märkte sind irrational» – wenn die Märkte sich anders entwickeln als es erwartet wurde und die eigenen Positionen in die Verlustzone fallen ist man ab und zu geneigt, die Schuld den Märkten zuzuweisen, indem man sie als «irrational» beschreibt. Hat man allerdings damit etwas erklärt? Dieser Ausdruck besagt nur, dass die Marktentwicklung anders verlaufen ist als man es erwartet hatte. Und, wenn man die eigene Sicht der Dinge als «rational» ansieht, ist das Nicht-Eintreten der erwarteten Entwicklung per Definition «irrational». Aber damit wird überhaupt nichts erklärt, man hat nur ein Etikett verwendet. Was würde in diesem Fall der Investor sagen, der die Positionen eingenommen hat, welche von den Märkten begünstigt wurden? Würde er sich als «irrational» beschreiben?

«Wie aber nicht Warum» – nehmen wir mal an, dass ein Long/Short-Equity Manager Verluste auf den Long- und Short-Positionen einfährt. Zusätzlich stellt er fest, dass eine Rotation im Markt stattgefunden hat, d.h. die Aktien, welche sich bis jetzt positiv entwickelt hatten, beginnen schlecht abzuschneiden und umgekehrt. Der Portfolio-Manager würde seine negative Ergebnisse so erklären: «Mein Portfolio war bis jetzt erfolgreich und konnte Gewinne auf der Long- und Short-Seite verbuchen. Die Verluste, welche unsere Investoren in den letzten Wochen ertragen müssen, sind auf die Markt-Rotation zurückzuführen». Aber damit hat man nur beschrieben wie die Verluste entstanden sind (Underperformance der Long-Positionen und Outperformance der Short-Positionen) aber nicht warum, d.h.: Warum hat eine solche Rotation stattgefunden? Wieso konnte man das Portfolio nicht entsprechend ausrichten?

Warum die Frage nach dem «Warum» in der Finanzindustrie im Vergleich zu Wissenschaft und Philosophie doch so unterschiedlich ausfällt, liegt zum Teil in der Komplexität des Geschehens auf den Finanzmärkten begründet. Allerdings soll die Komplexität nicht eine Ausrede werden, um die Ambition, Erklärungen zu suchen, aufzugeben. Vielleicht könnte die Finanzwelt sich doch an einigen Philosophen orientieren: Ihre Disziplin und Methoden bei der Suche nach Erklärungen könnten dazu beitragen, auch diesen Teil der Welt besser zu verstehen.

Es gibt 3 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Sewiet at 16:20

    Das Problem liegt an der Verinnerlichung des Spruchs: Der Erfolg gibt einem Recht. Dies ist schlicht und einfach falsch. Hatte Hitler recht weil er erfolgreich war. War Höneß im Recht bevor er erwischt wurde. Leben wir Gesund, weil wir noch leben?

  2. Stefano Lecchini
    Stefano Lecchini at 17:07

    Den Spruch „Der Erfolg gibt einem Recht“ kann man in der Tat hier so umschreiben: „Der Erfolg „anästhetisiert“ den Bedarf nach Erklärungen“. Und Erklärungen für den Misserfolg im Anlagegeschäft lassen sich auch nicht so einfach identifizieren…

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 1. August 2014 | Die Börsenblogger

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