Die Zahl der Zahlen

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Wohl und Wehe von Staaten drückt sich im Bruttoinlandsprodukt aus. Die Kennzahl steht zwar in der Kritik, doch zu ersetzen ist sie offenbar nicht so leicht.

Mit dem Zeitalter der Aufklärung begann auch die Datenerhebung. Der Ökonom William Petty (1623-1687), er gilt als Vater der englischen Nationalökonomie, soll der erste gewesen sein, der mit seiner «Political Arithmetick» eine Sammlung ökonomischer und demographischer Daten präsentierte. Diese halfen dem britischen König, das Land zu regieren und die Steuerbasis zu verbreitern. Pettys Daten wurden aus politischem Kalkül erhoben – und dieses zeigt sich auch bei heutigen Erhebungen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP), an dem sich Wohl und Wehe ganzer Staaten zeigen, ist da keine Ausnahme.

Was ist das BIP? Es ist die Summe der Marktwerte aller in einem Land während eines bestimmten Zeitraums hergestellten Güter und Dienstleistungen abzüglich der erbrachten Vorleistungen. Letztere umfassen den Wert der im Produktionsprozess verbrauchten oder weiterverarbeiteten Güter und Dienstleistungen. Die Vorleistungen müssen abgezogen werden, damit nur die tatsächliche Wertschöpfung berechnet wird. In Deutschland wird das BIP vom Statistischen Bundesamt berechnet, das vierteljährlich die Zahlen zum BIP publiziert.

Als eindeutige Kennzahl zeigt das BIP Sieger und Verlierer. Das macht sie zu einer beliebten Kennzahl. Steigt das BIP, ist die Welt in Ordnung, fällt es in zwei Quartalen hintereinander, sprechen die Ökonomen von einer Rezession – unabhängig vom Grund für den Rückgang. In Griechenland sank das BIP – auch wegen des rigorosen Sparkurses, der dem Land aufgezwungen wurde – im letzten Quartal 2014 um 0.4 Prozentpunkte und im ersten Quartal 2015 um 0.2. Weil das BIP die Bezugsgrösse für die Staatsschuldenquote ist, bringt dieser Rückgang das ohnehin krisengeschüttelte Land in noch grössere Schwierigkeiten. Denn in der Europäischen Union (EU) darf der Schuldenstand höchstens 60 Prozent des BIP betragen. Das heisst: Je höher das BIP, desto höher darf der Schuldenstand sein. Und wenn das BIP sinkt, ist es für ein Land nicht nur schwieriger, an Kredite zu kommen, auch die Staatsschuldenquote steigt automatisch. In Griechenland stieg sie durch den Rückgang des BIP auf einen neuen Höchststand von 174.7 Prozent, obwohl Athen Ende 2014 den ersten ausgeglichenen Haushalt seit Jahrzehnten vorgelegt hatte.

Geradezu missbraucht, so verstehe ich manche Kritiker, werde das BIP, wenn es als Wohlstandsindikator herhalten muss. Dafür ist es nämlich nicht gedacht. Denn einerseits werden auch Ausgaben für Krawalle, Krieg und Drogenhandel eingerechnet, andererseits wird vieles nicht berücksichtigt, was die Lebensqualität steigert, etwa die kostenlose Nutzung von Parks und Stränden.

Die Errechnung und Beurteilung von Kennzahlen wurde seit der Zeit William Pettys enorm verfeinert und ist heute eine massgebliche Grundlage für wichtige ökonomische Entscheidungen. Trotzdem beruhen die Interpretation und Schlussfolgerungen nicht nur auf objektiven Zahlen – wie zu Pettys Zeiten sind sie auch heute noch politisch gefärbt.

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